Justitias heilige Hallen

Von antiken Göttern und gar nicht muffigen Talaren


verfasst von Sonja Vass und veröffentlicht am 12.06.2019

 

Justitias heilige Hallen, in denen man zu wandeln gedenkt – wie oft rettete dieser Gedanke durch den einen oder anderen frustrierenden Lernmarathon. Genauso oft haben wahrscheinlich Nichtjuristen darüber gespottet – was soll den schon heilig sein an den trockenen Paragraphen? Und warum muss der Richter selbst im Sommer unpraktische schwarze Talare tragen? Eine Spurensuche, warum der Richter Talar trägt und wir immer noch vor Kreuz und Kerzen Eide schwören - und all das vor den nichtsehenden Augen einer römischen Göttin.


 

Recht, Religion und der Ursprung der Zivilisation


Wie und warum Recht überhaupt entstehen konnte, darüber gibt es eine Menge soziologischer und philosophischer Theorien. Außer Zweifel steht dabei, dass die Entstehung von Recht und Zivilisation untrennbar miteinander verbunden sind. Interessanterweise gibt es ein weiteres Phänomen, an dem Wissenschaftler den Beginn von Zivilisation festmachen. Das ist die Religion, archäologisch vor allem belegbar durch Relikte von Bestattungsriten, etwa Grabbeigaben.

Man kann sich fragen, was zuerst war – und wird wahrscheinlich nicht zu einer befriedigenden Lösung kommen, das gemeinsame Auftreten von Glaube, Recht und Zivilisation ist aber unübersehbar.

Überlieferte religiöse Schriften sind nicht selten auch Geschichts- und Gesetzbücher. Die Bibel ist da keine Ausnahme, sie erzählt die Geschichte des Volkes Israel und dessen Gesetze. Einen kleinen Ausschnitt dieses umfassenden Gesetzeswerks kennen wir als „zehn Gebote“ - deren Inhalt sich zum Teil mit uns bekannten Straftatbeständen deckt, immerhin verbieten sie Mord, Diebstahl und Verleumdung.

Die zehn Gebote wurden Mose der Bibel nach von Gott gegeben, die Rechtsordnung beruft sich also auf eine transzendente Instanz um ihre Gültigkeit zu rechtfertigen. Noch heute stellen wir uns häufig die Frage, warum Gesetze gelten, was uns zu Gedankenkonstrukten wie Gesellschaftsvertrag, Naturrechtslehre oder Theorie der Grundnorm führt.

Das Äquivalent dazu war in frühen Zivilisationen die göttliche Ordnung, die nicht nur Gesetze, sondern auch Herrschaftsansprüche von Königen rechtfertigen sollte. Aus dieser transzendent-religiösen Legitimation von Recht ergibt sich die logische Folge, dass Priester regelmäßig auch Rechtskundige waren. In der Geschichte des christlichen Abendlandes geht dies so weit, dass die Kirche ihre eigene Rechtsordnung entwickelte, dieses „kanonische Recht“ beeinflusste nachhaltig auch die säkulären Rechtsordnungen. 

 

Die in Deutschland übliche Bezeichnung für Rechtswissenschaft, „Jura“, ist eigentlich das lateinische Plural von „jus“, und bedeutet „Studium beider Rechte“ - nämlich des bürgerlichen wie des kanonischen Rechtes.

 

Angesichts dieser historischen Fakten ist es nicht verwunderlich, dass uns Rechtsprechung noch immer als etwas „Heiliges“ erscheint. Und so abwegig ist das gar nicht – immerhin ist die Frage nach Gerechtigkeit für uns Menschen ähnlich bedeutend wie die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Darüberhinaus ist die soziologische Bedeutung von Ritualen zu bedenken. Rituale sind einem bestimmten Muster folgende Handlungen, die meist eine besondere Situation oder einen Wendepunkt im Leben markieren. Dies können religiöse Rituale sein, die Abschlussfeier am Ende eines Studiums, oder eben auch ein Gerichtsverfahren. Manche Forscher sehen im Verfahrensrecht sogar ein Äquivalent zur kirchlichen Liturgie. Die meisten Menschen scheinen Rituale zu brauchen, um Ordnung in ihr Leben zu bringen. Und Ordnung ist schließlich auch das, was die Rechtsprechung (wieder)herzustellen versucht.

Heute gehört, im Gegensatz zur Antike, die Trennung von Staat und Kirche zu den Grundprinzipien moderner Rechtsordnungen. Dennoch stoßen wir regelmäßig auf Spuren des sakralen Erbes der Rechtsprechung. Wir wollen nun im Folgenden einzelne davon genauer betrachten.


 

„So wahr mir Gott helfe...“


Aus Filmen ist uns diese Formel wohl bekannt, denn aus dramaturgischen Gründen wird im Film vor Gericht ziemlich oft vereidigt. In der Praxis sieht das anders aus, meist wird dann eine Vereidigung vorgenommen, wenn der begründete Verdacht besteht, eine unter Wahrheitspflicht stehende Person würde bewusst lügen.

Das „Gesetz zur Regelung des Verfahrens zur Eidesablegung vor Gericht“ regelt Voraussetzungen und Ablauf der Vereidigung. Vereidigt werden können Zeugen, Sachverständige und Parteien im Zivilprozess. Der Richter hat die betreffende Person über Bedeutung und Folgen der Eidesleistung aufzuklären, abgelegt wird der Eid mit einer rituellen Geste, und einer Eidesformel die mit den Worten „Ich schwöre, so wahr mit Gott helfe.“ endet.

Christen leisten den Eid vor Kreuz und Kerzen, Juden legen die rechte Hand auf die Thora.

Personen, denen ihr Glaube die Eidesleistung verbietet, leisten eine „eidesstattliche Erklärung“ in der sie bekräftigen, die Wahrheit zu sagen.

Doch worin liegt nun das Wesen des Eides, und warum wird überhaupt vereidigt? Immerhin stehen Zeugen ohnehin unter Wahrheitspflicht, ob vereidigt oder nicht. Jedoch ist der Strafrahmen für Falschaussage unter Eid mit 6 Monaten bis zu 5 Jahren Haft deutlich höher.

 

Der Eid ist eine Art Versprechen, eine rituelle Bekräftigung einer Verpflichtung, vor Gericht der Verpflichtung zur Wahrheit.

 

Die Geschichte des Eides ist sehr alt, und fast jede Kultur kennt eine ähnliche Form des rituellen Versprechens. Dabei wurden häufig Gottheiten als Eideshelfer angerufen, die den Eid bezeugen und den Eidbrüchigen bestrafen sollten. Diese würde, so glaubte man, alles mögliche Unheil ereilen.

Im Neuen Testament fordert Jesus in der Bergpredigt die Menschen auf, nicht zu schwören, sondern auch ohne rituelle Bekräftigung die Wahrheit zu sprechen. Ob sich daraus ein religiöses Verbot des Eides ableiten lässt oder ein moralischer Appell an die Menschen, Ehrlichkeit nicht von Eidesformeln abhängig zu machen, ist strittig. Manche christlichen Gemeinschaften lehnen die Eidesleistung ab und begründen dies mit den Worten der Bergpredigt.

Nun benötigt es im rechtsgeschäftlichen Verkehr nicht unbedingt rituelle Formeln, Kreuze und Kerzen um eine Verpflichtung einzugehen. Jeder Vertrag begründet eine Verpflichtung. Durch Gesetze verpflichtet sich der Staat zu bestimmtem Handeln, und die Nichteinhaltung von Verpflichtungen ist an unerfreuliche Rechtsfolgen geknüpft.

Wir können allerdings feststellen, dass es verschiedene Abstufungen in der Bedeutung Verpflichtung gibt. Man denke etwa an den Unterschied zwischen formlosem Vertrag und Notariatsakt. Ähnlich ist der Unterschied zwischen eidlicher und uneidlicher Falschaussage zu sehen. Mit einer Rechtsfolge geht immer ein gesellschaftliches Wert- oder Unwerturteil einher.

Einen Eid zu brechen ist also verpönter als ein Vertragsbruch oder eine „gewöhnliche“ Gesetzesübertretung. Das ganze ist zunächst unlogisch. Immerhin, eine Lüge bleibt eine Lüge, und wenn aufgrund einer falschen Zeugenaussage ein falsches Urteil gefällt wird, bleibt dies in jedem Fall falsch. Erklären lässt sich dies nur mit der transzendenten Komponente des Eides. Während ein Vertragsbruch „nur“ weltliche, menschliche Regeln verletzt, ist der Eidbruch eine Attacke gegen eine „höhere“ Ordnung – worin auch immer diese bestehen mag.

 

Im Zusammenhang mit der Eidesleistung treten immer wieder Grundrechtsfragen auf, denn der religiöse Bezug berührt das Recht auf Religionsfreiheit.

 

So ist es etwa, um die Formalitäten der Eidesleistung festzulegen sowie bei der Verweigerung derselben, notwendig, das Religionsbekenntnis offenzulegen. Ein Urteil des EGMR stellte dazu 2010 einen Widerspruch zu Artikel 9 EMRK fest. Das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit beinhaltet nämlich nicht nur das Recht seine Religion frei zu wählen und zu wechseln, sondern auch die das Recht, seine Religion oder Weltanschauung nicht zu offenbaren.

Problematisch kann auch die Eidesformel „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden“ gesehen werden. Während für Juden und Muslime „Gott der Allmächtige“ ebenso wie für Christen die „richtige“ transzendente Instanz darstellt, wird für Hindus die Sache schon schwieriger. Immerhin könnte man sich fragen, welcher Gott denn nun gemeint ist.

Darüberhinaus gibt es, von der Rechtsordnung nicht wirklich beachtet, eine zunehmende Anzahl Menschen mit polytheistischen spirituellen Weltanschauungen, die sich nicht einer anerkannten Weltreligion zugehörig fühlen, sowie Menschen die eine Göttin verehren. Auch Atheisten könnten mit einem allmächtigen Gott so ihre Probleme haben.

Dabei stellt sich nicht nur das Problem der Glaubens- und Gesinnungsfreiheit, sondern auch der Wirksamkeit des Konzeptes „Eidesleistung“. Die „Wirksamkeit“ des Eides wird nämlich auch dadurch bedingt, dass der Eidleistende die transzendenten Folgen des Eides akzeptiert und für möglich hält. Mit der Frage nach Karma oder göttlichen Interventionen verlassen wir freilich den Boden der Rechtswissenschaft. Jedoch wird einen Atheisten die Berufung auf eine transzendente Instanz nicht wirklich beeindrucken, da er überzeugt ist, dass diese nicht existiert – unabhängig von der tatsächlichen Existenz einer solchen Instanz; eine Frage die ebenfalls nicht in das Gebiet der Rechtswissenschaft fällt. Was also, außer der höheren weltlichen Strafe für eidliche Falschaussage, sollte nun von der Lüge abschrecken, vor allem wenn die betreffende Person ihre Lüge für so geschickt hält, dass sie erwartet damit durchzukommen?


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Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren...

 

So erklärte es in den 1968er Jahren die Studentenbewegung und kritisierte damit nicht nur eine überkommene Tradition, sondern vor allem die mutmaßliche NS-Vergangenheit damaliger talartragender universitärer Würdenträger.

Talare und Roben als Amtskleider für Funktionsträger von Kirche, Universität und Gerichtsbarkeit haben eine lange Tradition. Der Ursprung unserer heutigen Talare liegt in der Kleidung an mittelalterlichen Universitäten. Umstritten waren sie schon lange. Kaiser Josef II wollte sie abschaffen, da sie an eine Zeit erinnerten, als die Kirche noch über die Lehre an Universitäten bestimmte. Dies passte nicht so Recht zum modernen Staat, welchen Kaiser Josef II haben wollte.

 

Was ist nun die Bedeutung der Amtskleider vor Gericht?

 

Immerhin verändert sich die Rechtslage nicht, wenn der Richter Jeans und T-Shirt trägt. Durch das Tragen des Amtskleides tritt der Wandel von Person zu Funktion ein. Der Richter, der als Mensch durchaus eine persönliche Meinung haben kann und vielleicht den einen oder anderen Prozessbeteiligten nicht ausstehen kann, tritt in seine Funktion als unparteiische Instanz ein. Ebenso treten Staatsanwälte und Rechtsanwälte nicht als Privatpersonen, sondern als Organe der Rechtspflege auf. Auch das Ausziehen derselben nach Arbeitsende kann Symbolcharakter haben, in dem Sinne, dass man jetzt berufliche Verpflichtungen ablegt und in sein privates Dasein übergeht. 

 


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Heute ist das Tragen der Amtskleider vor Gericht in Verordnungen geregelt, wobei die Beschaffenheit des Kleidungsstücks mit großer Liebe zum Detail beschrieben wird. Zum Amtskleid gehört auch eine Kopfbedeckung, die bei Urteilsverkündung sowie Eidesabnahme getragen wird.

Manchmal gehen mit den würdevollen Kleidern auch ganz durchschnittliche Probleme einher. Im Sommer wird es nämlich unter schwarzem Wollstoff ziemlich heiß, vor allem wenn man darunter -  wie die Verordnung zum Richterdienstgesetz vorsieht - einen dunklen Anzug tragen soll.

„Muffig“, wie in dem Slogan der 68er Bewegung dürften die Talare heute dennoch nicht mehr werden. Die entsprechenden Verordnungen sehen nämlich einen regelmäßigen Austausch nach 5 Jahren Tragedauer vor.


 

Justitias Erbe

 

Nicht nur wichtige Elemente des bürgerlichen Rechtes sind uns von den alten Römern geblieben, sondern auch gleich die transzendente Schutzmacht dazu. Justitia - römische Göttin, personifizierte Gerechtigkeit. Wer ist nun diese kühle Schönheit, die häufig über Amts- und Gerichtsgebäuden wacht?

In der römischen Mythologie stand sie für ausgleichende Gerechtigkeit, ihre griechischen Vorbilder waren Dike und Themis, ein Mutter-Tochter Gespann. Beide verkörperten im alten Griechenland verschiedene Ausdrucksformen von Gerechtigkeit und Ordnung – die Göttliche Weltordnung so wie die Rechtsordnung der Menschen.

Die häufigsten Symbole der Justitia sind Waage, Augenbinde und Richtschwert. Die Waage als Symbol der Gerechtigkeit ist dabei deutlich älter. Bei den alten Ägyptern verkörperte die Ma-at das Prinzip der göttlichen Weltordnung. Beim Totengericht wog sie das Herz des Verstorbenen gegen eine Feder. Wog die Schuld des Verstorbenen zu schwer, wurde er von einem Ungeheuer verschlungen.

 

Die Waage der Justitia verkörpert die sorgfältige Abwägung der Sachlage, Schuld gegen Unschuld. Die Augenbinde steht für die Unparteilichkeit. Das Richtschwert steht für die Durchsetzung des gefällten Urteils.

 

Zuweilen wurde Justitia auch mit einem Füllhorn dargestellt – es sollte jedem das Seine zugemessen werden. Auch mit einem Ölzweig wurde sie dargestellt, welcher den wiederhergestellten Rechtsfrieden symbolisiert. Interessant ist dabei dass, obwohl die Juristerei lange Zeit eine reine Männerdomäne war, die Gerechtigkeit immer durch eine Frau verkörpert wurde.


 

All das mag dem progressiv denkenden Menschen ziemlich überholt vorkommen. Es ist auch legitim manches zu hinterfragen insbesondere dann, wenn – wie bei der Eidesleistung – Grundrechte berührt werden. Zu hinterfragen gehört auch zu den Aufgaben der Wissenschaft. Vielleicht wird sich Art der Rituale unserer Gesellschaft verändern. Das Bedürfnis von Menschen, Dinge die so bedeutsam sind wie die Gerechtigkeit durch Handlungen und Symbole zu unterstreichen, wird wohl bleiben – so sind Menschen eben, ganz egal wie progressiv sie sein möchten.

Und eigentlich ist es ja ein schöner Gedanke, dass Justitia, Göttin der Gerechtigkeit, über das Tun von uns Juristen wacht... Auf dass wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen werden.

 


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Über den Autor

Sonja Vass - Autorin bei TalentRocket

Sonja Vass

Sonja Vass studiert Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und arbeitet hauptberuflich im Rettungsdienst, seit Februar 2019 ist sie als Autorin für TalentRocket tätig.

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