Jus und das Wesen der Wissenschaft

Gedanken über Wissen, wissenschaftliches Arbeiten und Schokokuchen


verfasst von Sonja Vass und veröffentlicht am 11.09.2019

 

Wir wachsen alle mit einer gewissen Vorstellung von Wissenschaft und Wissenschaftlern auf. Sind das nicht die leicht weltfremden Gestalten, die in staubigen Schreibstuben und unübersichtlichen Laboren ihrer eigenen, für die Allgemeinheit unverständlichen Leidenschaft nachgehen, und zuweilen in all dem Chaos Ideen entwickeln, die die Menschheit weiterbringen?

Wenn wir dann im Studium hören, wir sollen „wissenschaftlich arbeiten“, klingt das nach einer unbewältigbaren Aufgabe. Ideen die die Menschheit weiterbringen? Wir sind ja schon froh, wenn wir unser eigenes Studium irgendwie weiterbringen! Was macht denn nun die „Wissenschaft“ eigentlich aus? Und wieviel Wissenschaft brauchen wir, um Wissen zu erlangen? Der Versuch einer Antwort – und viele neue Fragen.

 

Einprägsame Bilder und die unwissenschaftlichen Anfänge der Wissenschaft

Die Vorstellung von Wissenschaft ist häufig durch einzelne Bilder geprägt. Einstein mit einer wahrhaft haarsträubenden Frisur, Schreibtische mit Reagenzgläsern, überfüllte Räume mit seltsam anmutenden Versuchsanordnungen. Wer selbst studiert, findet wenig davon in der Realität wieder.

Die Zeit des einsamen Forschers in seiner Schreibstube scheint vorbei zu sein, die Wissenschaft hat sich gewandelt. Und während heute Wissenschaft eine akademische Angelegenheit zu sein scheint, haben viele der frühen Wissenschaftler, Forscher, Entdecker oft noch nicht mal studiert – teilweise weil es noch gar kein Studium gab für die Dinge, denen interessierte Männer und Frauen in Schreibstuben und Hinterzimmern auf den Grund zu kommen versuchten.

Dabei fällt auf dass unser Bild des Wissenschaftlers häufig von naturwissenschaftlichen Fächern geprägt ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass diese Dinge anschaulich, greifbar sind, und wir die Auswirkungen in unserem täglichen Leben spüren können. Immerhin, wir könnten nicht vor dem Computer sitzen und diesen Artikel lesen wenn Maxwell nicht das Wesen der Elektrizität ergründet, Bardeen, Shockley und Brattain nicht den Transistor entwickelt hätten.
 

Die Naturwissenschaft hat den Menschen bis in den Weltraum gebracht! Man fühlt sich klein angesichts solch monumentaler Leistungen. Wo bleibt da der Platz für uns Juristen, uns Studierende der Rechtswissenschaft?


Sicherlich ist uns mittlerweile klar geworden, dass nicht nur Physiker und Chemiker diese Welt zu unserem Wohle gestaltet haben.

In einer Welt in der Krieg und Chaos herrscht, kann und will keiner leben, und ist es genauso eine Leistung, Modelle zu finden, wie eine Gesellschaft zu organisieren ist, Rechtsordnungen eben. Wir kennen mittlerweile die bedeutenden Namen und Gedanken. Zeiller und Martini, die Begründer des ABGB, Kelsen als „Vater unserer Bundesverfassung“, Radbruch und seine Gedanken zur Beweislast. Die Liste ist lang, und jede Idee für sich genial. Und was ist nun mit unserer Diplomarbeit? Wie können wir da mithalten? Nicht jeder ist ein zweiter Kelsen, und überhaupt, man kann ja nicht eben ein neues Gesetz erfinden.

In Seminaren über die „Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens“ lernen wir dann ganz andere Dinge. Da wird die Wissenschaft anscheinend reduziert auf „recherchieren, zusammenfassen, umformulieren und richtig zitieren“. Eine mühsame, und zuweilen unbefriedigende Arbeit. Die Abschlussarbeit ist irgendwann fertig, besteht den Plagiatscheck, wird vielleicht sogar gut benotet. Wir lassen die Sektkorken knallen – und wissen dabei immer noch nicht genau, was Wissenschaft eigentlich ist. Die Antwort? So genau wissen wir das eigentlich nicht.

 


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Wissenschaftstheorien und der Versuch, das Unfassbare zu erfassen

Wissenschafts- und Erkenntnistheorie sind Teilbereiche der Philosophie, die sich unter anderem mit der Frage befassen, wie der Mensch zu Erkenntnis und neuem Wissen gelangt. Für das Phänomen „Wissenschaft“ finden sich dabei verschiedene Definitions- und Beschreibungsversuche. Ein sehr weit gefasster Definitionsversuch beschreibt die Wissenschaft als „System der Produktion, Sammlung und Ordnung von Wissen“. Darüber hinaus lassen sich einige Merkmale der Wissenschaft festhalten: Bereits in der Antike haben sich Philosophen Gedanken gemacht, wie Wissen erworben wird, so meinte Aristoteles, dass Wissen aufgrund von Beobachtungen entsteht. Verallgemeinerung dieser Beobachtungen aufgrund logischer Schlüsse führt zur Bildung von Thesen oder Theorien. Objektivität ist dabei ein besonders wichtiger Anspruch – die Thesen und Theorien müssen allgemein gültig sein, eine Erklärung der Realität beinhalten und die logisch widerspruchsfrei sein.

Wissenschaft beansprucht Wahrheit für sich und steht dabei vor dem Problem, keinen endgültigen Beweis dieser Wahrheit liefern zu können – nur Gründe, warum wir etwas für die Wahrheit halten. So behauptet es zumindest Karl Popper in seinen Arbeiten zur Erkenntnistheorie. Eine wissenschaftliche Theorie muss aber falsifizierbar sein, also an einer Erfahrung scheitern können. Das unterscheidet sie vom Glauben, der weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Die „Wahrheit“ der Wissenschaft gilt so lange als wahr, bis sie widerlegt wird.

Zugegebenermaßen tun wir uns in der Rechtswissenschaft manchmal ein wenig schwer damit. Denn: Was ist wahr, was ist falsch? Wir Juristen schaffen uns manchmal unsere Wahrheit. In dem Moment wo Diebstahl verboten ist, ist das ein selbstgeschaffenes Faktum – und damit wahr. Ist es dann auch richtig? In unserer Lebensrealität wohl schon – eine Gesellschaft, die kein Eigentum kennt, wie es in manchen Naturvölkern der Fall ist, wird eine andere Sichtweise dazu haben.

 

Wir sehen also, die Wissenschaft ist kein homogenes Gebilde, vielmehr wird jedes Fachgebiet seine eigenen Wege haben, wie nun Wissen erworben wird.

 

Welches Wissen ist denn überhaupt Wissenschaft?

Nun haben wir eine Menge über das Wissen gehört. Nur, wann wird Wissen zur Wissenschaft? Immerhin, es bedarf auch Wissens, einen hervorragenden Schokoladenkuchen zu backen, der alles zuvor gegessene in den Schatten stellt. Und mancher Meisterbäcker hat unzählige Versuche gebraucht um sein persönliches Spezialrezept für seinen einzigartigen Kuchen zu finden. Ist das nun „Forschung“? Oder „Wissenschaft“? Es gibt kein Studium des Konditorhandwerks und daher auch keine Abschlussarbeiten. Kein Zuckerbäcker käme auf die Idee, sich als Mehlspeiswissenschaftler zu bezeichnen. Dieselbe Überlegung trifft auf alle handwerklichen, und man könnte sagen, nicht-wissenschaftlichen Tätigkeiten zu, und eigentlich ist diese Einteilung unfair, vor allem weil in unserer Vorstellung die „Wissenschaft“ stets etwas „höheres“ zu sein scheint. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft des Wissens eigentlich.

Manche Entwicklungen wirken dem scheinbar entgegen, insbesondere im Gesundheits- und Sozialbereich, erlernt man Tätigkeiten, die früher einfach Ausbildungsberufe waren, nun im Rahmen eines Fachhochschulstudiums, aus Krankenpflege wurden zum Beispiel die Gesundheitswissenschaften. Inclusive Abschlussarbeit und allem was dazugehört, und auch nicht immer zur Freude der Studierenden, denn nicht jeder der in der Praxis gute Arbeit leistet ist auch ein Theoretiker der gerne Arbeiten schreibt – und muss es in seinem Beruf später auch nicht sein.

 


Karrieremöglichkeiten, Gehalt, Soziales

Kanzleien und Unternehmen im Profil


 

Manche Leute sprechen von „Verwissenschaftlichung“ – und dieses Phänomen findet auch durchaus seine Kritiker. Konsequent weitergedacht, ließe sich nämlich aus jedem Lehrberuf eine Wissenschaft machen. Ja, wenn man will, lässt sich auch das Bäckerhandwerk in wissenschaftstheoretische Konzepte fassen. Es können Thesen aufgestellt werden (was ist die ideale Backzeit für einen Kuchen? Das beste Verhältnis zwischen Zucker, Mehl und Eiern?); diese sind auch falsifizierbar im Sinne Karl Poppers (wenn der Kuchen nicht schmeckt oder nicht aufgeht ist die These falsch).

Jeder Bäcker, so könnte man behaupten, braucht außerdem ein gewisses Grundlagenwissen. Chemie, Physik auf jeden Fall – immerhin lässt sich so erst verstehen warum ein Kuchen aufgeht und beim Backen außen knusprig wird; und selbstverständlich auch rechtliche Grundlagen – immerhin betrifft das Recht ja alle Lebensbereiche.

Klingt das für jemanden absurd? Fragt sich jemand, „wer will denn dann noch Bäcker werden“? Denkt jemand an seine Oma, die ohne jemals irgendeine Ausbildungseinrichtung auch nur von außen gesehen zu haben, den besten Kuchen gebacken hat, den man kannte? Es ist absurd – und auch wieder nicht. Es ist bloß Ansichtssache. Niemand findet es absurd, dass ein Chirurg ein Universitätsstudium absolvieren musste – heutzutage. In früheren Jahrhunderten war die Chirurgie ein Handwerksberuf, der sich von den studierten Ärzten abzugrenzen wusste, und in der ursprünglichen Fassung des hippokratischen Eides mussten letztere noch schwören, den Chirurgen nicht ins Handwerk zu pfuschen!

So lassen sich nicht einmal die Tätigkeitsbereiche, die der Wissenschaft zuzuordnen sind, klar abgrenzen. Vieles hat historische Gründe und da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, halten sich historisch gewachsene Strukturen oft recht lange, vor allem wenn sie sich einigermaßen bewähren.

 

Und das „wissenschaftliche Arbeiten?“

Nun, die Lehrbücher und Seminare zu dem Thema erklären uns selten das schwer fassbare Wesen der Wissenschaft. Vielmehr liefern sie uns Anhaltspunkte uns im heutigen Wissenschaftsbetrieb zurechtzufinden – etwa durch Richtlinien für effiziente Recherchearbeit, sowie einen Verhaltenskodex – der im Wesentlichen darin besteht, Wissen das von anderen geschaffen wurde anzuerkennen und auch als solches auszuweisen.

 

Am Ende also mehr neue Fragen als Antworten – doch auch das scheint eine Eigenschaft der Wissenschaft zu sein. Doch, wie uns die Sache mit der Falsifikation von Theorien zeigt, Sichtweisen können sich ändern. Vielleicht haben wir in einigen Jahren eine völlig andere Sichtweise von Wissenschaft – vielleicht sogar eine, in der Rechtstheorie und Schokoladenkuchen gleichberechtigt nebeneinander Platz finden. Was bleibt ist das Wissen, das ist eine Konstante an die wir uns halten können. Wissen erwerben, anwenden, weiterentwickeln, weitergeben – das sind schöne und wichtige Aufgaben. Da macht es auch nichts, wenn sich nicht immer eine Definition finden lässt.

 


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Über den Autor

Sonja Vass - Autorin bei TalentRocket

Sonja Vass

Sonja Vass studiert Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und arbeitet hauptberuflich im Rettungsdienst, seit Februar 2019 ist sie als Autorin für TalentRocket tätig.

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