Jus im Multimedia-Diplomstudium?

Ein Erfahrungsbericht


verfasst von Sonja Vass und veröffentlicht am 29.01.2020

 

Wer neben einer Berufstätigkeit noch studieren möchte, stößt oft auf verschiedene Hürden. Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht zu Zeiten, in denen man eigentlich in der Arbeit sein sollte, und mangelnde Flexibilität sowohl auf Seiten der Universität als auch des Arbeitgebers. Auch möchte man dem Arbeitgeber nicht immer gleich auf die Nase binden, dass man einen alternativen Karriereweg plant, und dann kommt noch die Doppelbelastung dazu – Lernen braucht schließlich seine Zeit. Manche Fachhochschulen bieten zwar berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudien mit geblockten Wochenendkursen an, die Studiengebühren hierfür sind aber nicht ganz unbeträchtlich. An der Johannes-Kepler-Universität kann man Jus fast vollständig multimedial studieren. Inklusive Vorlesungen online schauen und Prüfungen in geographischer Nähe des Wohnorts. Ich war fast acht Semester in Linz inskribiert. Fazit: Viele Vorteile – aber nicht nur. 

 

Warum Fernstudium?

Ich erfuhr von der Möglichkeit des Fernstudiums durch einen Freund der dies schon seit einiger Zeit betrieb. Ich habe damals eine berufliche Veränderung angestrebt, wollte mir jedoch die Option offenhalten weiterhin zu arbeiten. Keine Anwesenheitspflicht zu haben und nur einzelne Tage für Prüfungen freinehmen zu müssen erschien mir eine praktische Sache zu sein. Die Johannes-Kepler- Universität informiert auf einer eigenen Webseite (www.linzer.rechtsstudien.at) recht ausführlich über die Möglichkeit des „Multimedia-Diplomstudiums der Rechtswissenschaften“, wie die vollständige Bezeichnung dieses Studienganges lautet. Wichtig für mich war auch, dass es sich im Prinzip um dasselbe Studium handelt, welches jeder Präsenzstudent absolviert, und damit nach Abschluss dieselben beruflichen Möglichkeiten offen stehen. 
 

Präsenzphase auf der Burg Schlaining

Zu Beginn des ersten und zweiten Studienabschnittes ist eine Präsenzphase zu absolvieren. Diese dauert 5 Tage und kann in Linz oder an einem der Außenstandorte in Villach, Stadtschlaining oder Bregenz erledigt werden. Jeder Studienanfänger kann sich also die geographisch günstigste Variante aussuchen. Ich habe mich damals trotz Wohnort in Tirol für Stadtschlaining entschieden, weil ich bei Verwandten wohnen konnte. Das wunderbare historische Ambiente der Burg Schlaining, wo die Lehrveranstaltungen stattfanden, war die weiteste Anreise jedenfalls wert, ich bin auch etwas länger geblieben und konnte so Studienbeginn mit Urlaub verbinden. Bei der Präsenzphase werden auch alle Anmeldeformalitäten erledigt, das heißt es ist nicht notwendig, extra zur Studienzulassung nach Linz zu fahren. Während der fünf Tage gibt es Einführungsvorlesungen in alle Fachgebiete des ersten Studienabschnittes, eine technische Einführung bezüglich Online-Aktivitäten und auch soziale Events, bei denen man auch Kontakte zu Studienkollegen aus seiner Region knüpfen kann. 
 


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Lernunterlagen – alles kompakt beisammen

Die Multimediale Studien GmBH, eine eigens zu diesem Zweck gegründete Tochtergesellschaft der Universität Linz gibt „Medienkoffer“ zu jedem Fach heraus. Diese enthalten alle relevanten Unterlagen und Gesetzestextsammlung für das jeweilige Fach inclusive DVD mit Vorlesungen auf Video. Diese sind mit einem Preis von knapp 2000 Euro für beide Studienabschnitte nicht gerade billig, jedoch besteht der Vorteil, alle relevanten Unterlagen auf einmal beschaffen zu können. Das ist zeitsparend, andererseits kann auch das Stöbern in einer Buchhandlung durchaus reizvoll sein. Die Freischaltung der Online Streamings zu den Vorlesungen ist an den Erwerb der Medienkoffer gekoppelt, wodurch leider auch der Kauf von günstigeren gebrauchten Lehrbüchern verunmöglicht wird. 

Letztendlich steht es den Studierenden frei, die Koffer zu erwerben oder auch nicht, eine Anmeldung zu Fachprüfungen ist auch ohne Streaming-Freischaltung möglich, also eine Option für jene die ohnehin lieber nach Büchern lernen. 

Ob man selbst ausschließlich mit den Koffern lernen möchte bleibt jedem selbst überlassen. Sie enthalten jedenfalls allen erforderlichen Stoff für die Fachprüfungen, jedoch zuweilen mehr oder weniger gut pädagogisch aufgearbeitet. Insbesondere die Unterlagen aus Rechtsgeschichte und Zivilrecht enthalten einen ziemlich eng zusammengeschriebenes Konvolut aus Kleingedrucktem mit wenig graphischen Hervorhebungen. Es kann zum Lernen durchaus nützlich sein sich zwecks besserer Übersicht das eine oder andere Lehrbuch zuzulegen. Ich habe mir damals vier oder fünf Lehrbücher zusätzlich gekauft, weil sie mir übersichtlicher erschienen sind. Ein weiteres Problem ist der Verkauf der Medienkoffer in Sets (zB. gesamter erster Abschnitt – zweiter Abschnitt privatrechtliche Fächer – zweiter Abschnitt öffentliches Recht). Ist man nicht so schnell im Studienfortschritt und ändert sich derweilen die Rechtslage, ist nachkaufen angesagt. Mir kam am Anfang des zweiten Abschnitts die Verwaltungsreform dazwischen, ich durfte mich also um aktuelle Unterlagen zu Verfassungs- und Verwaltungsrecht umsehen. 
 

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Vorlesungen online ansehen

Ein wesentlicher Vorteil – mit dem von Seiten der Universität auch aktiv geworben wird – sind die Online Streamings zu den Vorlesungen. Diese kann man sich live oder zeitversetzt bis zu zwei Wochen nach dem Veranstaltungstermin ansehen. Für mich hieß das: gemütlich am Abend auf der Couch Vorlesungen schauen. Wichtig ist, auf Kompatibilität der technischen Geräte und ausreichend schnelles Internet zu haben, sonst wird das ganze mühsam. Leider besteht in manchen Fächern die online gestellte „Vorlesung“ aus einer eigens für das Multimedia-Studium hergestellten Aufzeichnung, in der im Prinzip das Lehrbuch vorgelesen wird. Das mag für Fans von Hörbüchern durchaus hilfreich sein, ich persönlich fand es eher ermüdend. Letztendlich habe ich die Streams angesehen die ich am spannendsten fand und den Rest aus Büchern gelernt. 

 

Kommunikation unter Studierenden – Online Forum

Was im Fernstudium fehlt, ist der persönliche Kontakt zu Mitstudierenden. Als Ausgleich dafür existiert ein Online-Forum zum Austausch unter Multimedia-Studenten, Absolventen und Interessenten. Googelt man „Forum Jus Linz“ findet man die etwas unübersichtliche Webadresse des Forenanbieters dynamicboard meist unter den ersten Treffern. In dem Forum finden sich Smalltalk- und Diskussionsthreads ebenso wie Skripten und Prüfungsfragensammlungen, sowie Unterforen für jedes Bundesland, in denen persönliche Treffen organisiert werden können. Ich habe so einige Tiroler Kollegen kennengelernt, mit denen ich mich mehrere Male zum gemütlichen Abendessen verabredet habe. Ich kann jedem raten, die Möglichkeiten dieses Forums zu nutzen, auch wenn es keinen vollwertigen Ersatz für das Studentenleben an einer Präsenzuni darstellt. 

 


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Prüfungen

Fachprüfungen können an der Universität und an allen Außenstandorten der Universität belegt werden. Lehrveranstaltungsprüfungen kann man darüberhinaus auch in jedem Notariat schreiben. Die Kosten für die Prüfungsaufsicht sind mit dem Notar zu vereinbaren. Ich habe, je nach dem wo ich mich gerade aufgehalten habe zwischen 10 und 50 Euro bezahlt. Für Studierende im Ausland gibt es die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen in den Räumlichkeiten der österreichischen Botschaft zu schreiben, sofern sich Botschaftspersonal zur Aufsicht findet. Der geographisch am weitesten von Österreich entfernte Student von dem ich weiß, lebte eine Zeit lang in China und studierte von dort aus. Für die Fachprüfungen gibt es Termine speziell für Multimedia-Studenten, die an allen 

Außenstandorten stattfinden, und Termine die nur in Linz stattfinden. Multimedia-Studenten können aber an allen Terminen antreten. Bei den Multimedia-Terminen werden die korrigierten Prüfungsarbeiten eingescannt und können von den Studierenden online abgerufen werden. Auf diese Art und Weise kann das Recht auf Prüfungseinsicht unkompliziert wahrgenommen werden. Eingescannte Prüfungsarbeiten werden auch gerne im Online-Forum geteilt, so dass man sich einen guten Überblick verschaffen kann, was denn für eine gute Note erwartet wird. 

Lehrveranstaltungen die üblicherweise immanenten Prüfungscharakter haben, also Seminare und Übungen werden entweder durch Hausarbeiten oder als Summe mehrerer Teilprüfungen abgewickelt. Es hält sich also auch hier der Zeitaufwand in Grenzen, und die Lehrveranstaltungen sind im Gegensatz zu einem Präsenzstudium mit regulären Arbeitszeiten leichter vereinbar. 

 

Stolperstein geographische Entfernung?

Wahrscheinlich hätte ich mein Studium in Linz beendet, wenn sich nicht währenddessen andere berufliche Wege aufgetan hätten. Am Ende fehlte mir nur mehr die Diplomarbeit. Da wurde dann plötzlich die Geographie zum Problem. Ich war nach längerer Arbeitspause wieder vollzeitberufstätig und hatte wenig Motivation, zwecks zusätzlichen Seminaren und Betreuergesprächen nach Linz zu fahren. Da einige Betreuer die Teilnahme an einem Seminar voraussetzen, schränken sich die Möglichkeiten für nicht-reisefreudige ziemlich ein. Am Ende landete ich bei einer „Notlösung“ und scheiterte schließlich, weil längere e-Mail-Diskussionen auch irgendwie mühsam sind. Am Ende wählte ich den einfacheren Weg, mich auf meinen Job zu konzentrieren, den ich ohnehin für längere Zeit machen wollte, und das Studium Studium sein lassen. Sicherlich ist dieser Schritt mehr auf meine persönliche Situation zurückzuführen als auf die Organisation der Universität, jedoch sollten sich Studierende darüber im Klaren sein, dass eine Diplomarbeit ein längeres Projekt ist, das sinnvollerweise auch persönliche Gespräche erfordert, insbesondere wenn es die erste wissenschaftliche Arbeit ist. Eine Kollegin fuhr innerhalb eines Jahres vier mal von Tirol nach Linz, um Einzelheiten ihrer Diplomarbeit zu besprechen. Wenn noch Seminare besucht werden müssen, kann es durchaus öfter sein. 

 

Fazit – Multimedia-Studium Jus – eine Empfehlung?

Für jemanden der nicht in einer Universitätsstadt oder zumindest in der Nähe wohnt – ganz klar JA. Es ist einfacher und auch deutlich kostengünstiger als übersiedeln oder pendeln. Wer die Uni praktisch vor der Haustür hat, sollte sich, auch als Berufstätiger, die Sache gut überlegen. Jus ist nämlich an vielen Universitäten tatsächlich ein sehr Berufstätigkeits-freundliches Studium. So sind im aktuellen Studienplan für Rechtswissenschaften der Universität Innsbruck für den ersten Studienabschnitt nur zwei Lehrveranstaltungen mit immanentem Prüfungscharakter, also Anwesenheitspflicht vorgesehen, im zweiten Abschnitt überhaupt keine, im dritten müssen einzelne Praktika und Seminare besucht werden, diese werden aber häufig auch als Blockveranstaltungen angeboten. Wir bewegen uns da in einem Zeitrahmen, der sich durch Urlaub, Zeitausgleich und ein wenig guten Willens des Arbeitgebers durchaus abdecken lässt. Vor allem kommt es auf persönliche Vorlieben des Studierenden an, denn jeder lernt anders. Auditive Lerntypen profitieren sicher von den Vorlesungs-Streams des Multimediastudiums. Wer ohnehin lieber aus Büchern lernt, kommt mit einem „herkömmlichen“ Präsenzstudium sicherlich auch klar. Denn eines ist sicher: Der Stoff wird im Multimedia-Studium weder weniger, noch leichter. Und gelernt wird nicht nur in der Vorlesungen, sondern zu einem großen Teil danach, im Selbststudium. Ich habe mich dann übrigens, zwecks Verfassen einer Diplomarbeit, nach ein paar Jahren Pause an meiner „Heimatuni“ Innsbruck angemeldet. Vielleicht läuft es ja diesmal besser. 

 

 


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Über den Autor

Sonja Vass - Autorin bei TalentRocket

Sonja Vass

Sonja Vass studiert Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und arbeitet hauptberuflich im Rettungsdienst, seit Februar 2019 ist sie als Autorin für TalentRocket tätig.

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