Hackathons für Juristen…im Ernst?

Ein Interview mit Matthias M. Hudobnik über die ungewöhnliche Teilnahme eines Juristen


verfasst von Matthias M. Hudobnik und veröffentlicht am 26.06.2019

 

Matthias M. Hudobnik ist Jurist und Ingenieur sog. „Legal Engineer“. Er beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahren mit Cyber Law, Cyber Security, Internet Governance, Privacy und Legal Tech und hat weltweit Trainings in diesen Gebieten abgeschlossen. Vor und während seines Studiums der Rechtswissenschaften sammelte er mehrjährige Berufserfahrung im Bereich IT und Internet Engineering und zuvor absolvierte er die HTL. Wir haben Ihn verschiedenste Fragen rund um das Thema Hackathon für Juristen gefragt und Einblicke von erster Hand für euch. 

 

Lieber Matthias, kannst du uns sagen was denn ein Hackathon überhaupt ist?

Ein Hackathon ist eine Veranstaltung, bei der in einer begrenzten Zeitspanne auf unkonventionelle Weise zu einem bestimmten Thema Soft- und Hardware entwickelt wird, um Innovationen voranzutreiben. Heutzutage setzen sich die TeilnehmerInnen nicht nur aus Softwareentwicklern sondern auch aus Juristen, Betriebswirten etc. zusammen.

 

Im Begriff Hackathon verschmelzen die Worte „Hacking“ und „Marathon“.

 

Im Kontext eines Hackathons steht „Hacking“ für das Lösen von Problemen, um dabei neue nützliche Produkte zu entwickeln. „Marathon“ steht für das durchgehende Programmieren über den Zeitraum des Hackathons und deswegen besteht auch die Möglichkeit am Veranstaltungsort zu übernachten.

 

Wie läuft denn ein Hackathon ab?

Der Ablauf variiert von Hackathon zu Hackathon, der typischerweise zwischen 24 und 48 Stunden andauert. Üblicherweise startet jeder Hackathon mit einer Vorstellung des Veranstalters, gefolgt von Vorträgen zu dem festgelegten Thema oder einer Brainstorming-Session. Anschließend findet das Ideen-Pitching statt, wo Teilnehmer ihre Ideen für ein Projekt vorstellen können. Es kann aber auch sein, dass sich bereits Teams vorab gemeinsamen mit einer Idee anmelden, um diese dann beim Hackathon umzusetzen. Nach dem Ideen-Pitching kommt es zum Team-Building, das selbstorganisiert nach Kenntnissen, Fähigkeiten und Interessen der Teilnehmer vorgenommen wird. Erwähnenswert ist, dass sich die Teilnehmer erst direkt vor Ort kennenlernen.

Wenn die Zusammensetzung der Teams feststeht, geht es um die Entwicklungsarbeit, die jedes Team für sich selbst und im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Ansätze vornimmt. Manchmal verlangt der Veranstalter auch die Präsentation von Zwischenergebnissen. Am Ende wird das Projekt vor einer Fachjury präsentiert, die dieses bewertet und meistens Fragen dazu stellt. Wenn der Hackathon an einen Wettbewerb gekoppelt ist, kommt es am Ende zu einer Preisverleihung.

 

Mein Fazit: Aus einem entwickelten Projekt kann in weiterer Folge schnell ein Start Up entstehen – „keep that in mind, you never know what is coming next!“

 

Was war dein Ansporn für die Teilnahme an verschiedenen Hackathons? Wie kam es bei dir dazu?

Ich hatte schon als Teenager ein ausgeprägtes Interesse an Hard- und Softwareentwicklung und sammelte bereits in der HTL mit Spezialisierung Technische Informatik und Internet Engineering - einschlägige Kenntnisse in diesen Bereichen. Seit Anbeginn meines Studiums der Rechtswissenschaften, war für mich völlig klar, dass ich im Bereich IT-Recht/Rechtsinformatik bzw. Legal Tech meine berufliche Zukunft sehe. In Österreich waren die Möglichkeiten sich Wissen darüber anzueignen sehr rar gesät und deswegen habe ich mir mit großer Leidenschaft im Ausland in den Gebieten Cyber Law, Cyber Security, Internet Governance, Privacy, IPR und Legal Tech Know-How angeeignet und mir ein vielversprechendes Netzwerk aufgebaut, um Synergien zwischen den jeweiligen Sparten zu bilden.

Nun zur eigentlichen Frage – bei einem Hackathon geht es gerade darum, etwas neues zu entwickeln, sich neuen Herausforderungen zu stellen, in kürzester Zeit im Team lösungsorientiert ein tolles Projekt umzusetzen und genau diesen Spirit wollte ich einmal live miterleben. Bis jetzt hatte ich das besondere Vergnügen an vier Hackathons zu den Themen Quantum Internet in Amsterdam, Legal Tech in Berlin und Blockchain in Graz und Wien teilzunehmen.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich mit einem mulmigen Gefühl bei meinem ersten Hackathon zum Thema Quantum Internet in Amsterdam teilgenommen habe und irrsinnig von der gesammelten Erfahrung profitiert habe. Bei meinem zweiten Hackathon zum Thema Legal Tech in Berlin habe ich dann schon eine Brainstorming Station mitgeleitet und mein Team und ich erreichten mit dem Projekt „whistleBOT“ den zweiten Platz! Bei diesem intelligenten Chatbot ging es darum, Verstöße gegen die zukünftigen EU-Regelungen im Bereich des „whistleblowings“ einfach, effizient und anonym zu melden und, dass Unternehmen diesen Chatbot möglichst einfach implementieren können.

 

Nun hast du ja bereits vom zweiten Platz in Berlin berichtet - Wie erfolgreich waren deine Teilnahmen an den Hackathons?

Die Teilnahme an einem Hackathon per se ist schon bereits eine große Bereicherung, aber natürlich muss ich ganz klar sagen, dass es auch immer mein Ziel war zu gewinnen oder zumindest auf das Podium zu kommen, sofern es eines gegeben hat! Bis dato war die Ausbeute der Teilnahmen ganz passabel und es konnte immer ein Stockerlplatz mit meinem Team verbucht werden; zumindest, wenn es so eines gab! Konkret zwei zweite Plätze mit Preisgeldern auch einmal in Form von Krypto-Währungen, sowohl in Berlin als auch in Wien und Sachpreise bei den beiden anderen Veranstaltungen in Amsterdam und Graz.

 

Glaubst du, dass eine Teilnahme von Juristen an Hackathons für Kanzleien sinnvoll und nachhaltig ist?

Die Praxis zeigt, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch Kanzleien einen großen Wert auf die gesammelten Erfahrungen von Hackathons legen und einige deutsche Großkanzleien wie z.B. in Frankfurt oder Hamburg schon ihre eigenen Hackathons veranstalten, um effizienter zu werden und ihr Know-How im Bereich von Legal Tech Tools zu erweitern. Zudem lernen Kanzleien dadurch potentielle Arbeitnehmer kennen und das vor allem in einem vielfältigen und erfahrungsgemäß sehr internationalen Teilnehmerfeld.

 

Besteht durch Hackathons die Möglichkeit sein Wissen abseits der typischen, juristischen Tätigkeit zu erweitern?

Auf jeden Fall - es war jedes Mal eine einzigartige und tolle Erfahrung sich mit anderen Teilnehmern aus unterschiedlichen Metiers und Ländern auszutauschen und sich natürlich auch ein wenig zu matchen. Diese Art von Community ist sehr open-minded; zumindest waren das bis dato meine Erfahrungen und dementsprechend habe ich jedes Mal mein eigenes Wissen über den juristischen Tellerrand hinaus ergänzen können, aber auch meine Kenntnisse und Erfahrungen an andere Teilnehmer weitergeben können.

 

Side-node: „Sharing is caring“ oder wie es beim Hackathon in Berlin so schön hieß: „Be excellent to each other!“

 

Spannend ist für mich auch, was in kürzester Zeit im Team erreicht werden kann und typischerweise kennen sich die TeamkollegenInnen vor dem Hackathon nicht, sondern lernen sich erst beim Brainstorming bzw. Ideen-Pitching kennen. Das zeigt, wie viel Potential in jedem von uns steckt, wenn die persönliche Komfortzone verlassen wird und wie sehr sich dadurch der persönliche Horizont erweitern lässt, wenn offen und ohne Bedenken auf das jeweilige Thema des Hackathons zugegangen wird!

 

Ist durch die Vielfalt an unterschiedlichen Teilnehmern überhaupt eine effiziente Umsetzung von Projekten möglich?

Ja, in jedem Hackathon-Team sind unterschiedliche Skills wichtig, um seine Ideen erfolgreich und effizient umsetzen zu können. Jedes Teammitglied setzt seine Stärken individuell ein und somit kann kompetenzorientiert die Aufgabenverteilung vorgenommen werden. Es besteht auch die Möglichkeit sich „challenges“ in Form von neuen oder außergewöhnlichen Tätigkeiten zu stellen - soweit das gewünscht wird!

Genau der Umstand - sich aus seinem gewohnten Umfeld zu entfernen, um neuen Input zu erhalten, sehe ich als sehr positiv an.

 


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Ist die Teilnahme an einem Hackathon für deine Karrieremöglichkeiten vorteilhaft und wenn ja, warum?

Absolut - meiner Meinung nach ist interdisziplinäre Flexibilität durch die Digitalisierung, auch in den juristischen Berufen, eine unumgängliche Voraussetzung um in Zukunft erfolgreich zu sein. Dabei ist es von ungemeinem Vorteil eine Brücke zwischen den technischen Herausforderungen und den juristischen Lösungswegen zu bauen. Auch wenn die juristischen Berufe sehr lange vor der Digitalisierungswelle gefeit waren, vor allem hier in Österreich, haben sich durch Legal Tech Anwendungen, die Tätigkeiten schon jetzt stark verändert und es wird in Zukunft immer mehr Tools geben, die in den täglichen Ablauf der juristischen Tätigkeiten eingebettet werden! Konkret kann ich durch die Teilnahmen an den Hackathons folgendes mit in den täglichen juristischen Berufsalltag mitnehmen:

  • Effiziente und lösungsorientierte Verteilung von Aufgaben im Team

  • Disziplinübergreifend zu denken, zu kommunizieren und offen auf neue und ungewisse Situation zuzugehen

  • Sich auf Gedankenansätze von Teamkollegen einzulassen auch wenn sich diese nicht immer mit den eigenen decken

  • Auffrischung der Programmierkenntnisse

  • Anwendung und Entwicklung von Blockchain-based Applikationen

 

Was ist dein Resumé und was möchtest du anderen Jusstudenten/Juristen noch als letzten Impuls mitgeben?

Ich kann nur jedem Interessierten ans Herz legen, seine Komfortzone zu verlassen und an einem Hackathon teilzunehmen. Es erweitert den persönlichen Horizont und zeigt, dass durch Teamwork in nur 24 bis 48 Stunden knifflige Aufgaben erfolgreich bewältigt werden können.

Spannend ist für mich, dass vor ein paar Jahren noch niemand von Legal Tech gesprochen hat und auch das Fach Rechtsinformatik eher mit „nerdy“ Juristen assoziert wurde. Umso mehr freut es mich, dass dieser Fachbereich aktuell einen Boom erlebt und große Chancen für Juristen birgt, wenn die Anwendung von Legal Tech Tools an die persönlichen Gegebenheiten der täglichen juristischen Arbeit angepasst wird!

Abschließen möchte ich mit: “Be part of the next Hackathon, enjoy it and take the hell out of it ;-)!”

 

Danke vielmals Matthias für das Interview!

 


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Über den Autor

Matthias M. Hudobnik - Autor bei TalentRocket.at

Matthias M. Hudobnik

Matthias M. Hudobnik ist Jurist und Ingenieur sog. „Legal Engineer“. Er beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahren mit Cyber Law, Cyber Security, Internet Governance, Privacy und Legal Tech. Vor und während seines Studiums der Rechtswissenschaften sammelte er mehrjährige Berufserfahrung im Bereich IT und Internet Engineering und zuvor absolvierte er die HTL.

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