"Freispruch!" Strafrecht in der Praxis

Ein Wiener Strafverteidiger erzählt aus seinem Alltag


veröffentlicht am 31.10.2018

 

Das Strafrecht ist eines der beliebtesten Rechtsgebiete für Juristen in Österreich. Wir haben uns mit einem Wiener Strafverteidiger über seinen Berufsalltag, Urteile, Recht und Unrecht unterhalten. Dabei hat er uns Einblicke gewährt und ein paar Tipps für angehende Juristen gegeben. 

 

Mag. Martin Adam - Strafverteidiger Österreich WienMag. Martin Adam hat das Studium der Rechtswissenschaften am Juridicum in Wien absolviert. Über ein Semester am Trinity College London führte ihn der Weg zurück nach Wien, wo er als Studienassistent vielseitige Erfahrungen in verschiedenen Rechtsgebieten sammelte. Seit 2009 ist er selbstständiger Strafverteidiger in Wien mit eigener Kanzlei. Dankenswerterweise hat er sich viel Zeit für uns genommen um uns all unsere Fragen zu beantworten. 

 

 

 

1. Herr Mag. Adam, danke für Ihre Zeit. Woher kam Ihr Entschluss sich auf Strafrecht zu spezialisieren? Was macht das Strafrecht für Sie aus? 

Der Entschluss, mich auf Strafrecht zu spezialisieren ist nicht nur der hochinteressanten Dogmatik und ihrer Exaktheit geschuldet, sondern ist gerade die Strafverteidigung einer der ureigensten Aufgaben der Rechtsanwaltschaft. Ich hatte schon zu Studienzeiten eine besondere Vorliebe dafür entwickelt, denn das Strafrecht ist einer der wichtigsten Pfeiler unseres Rechtsstaates.

 

2. Welche Momente des Strafrechts würden Sie als einscheidende Erlebnisse betiteln?

 

Freispruch!

 

Gerade für einen Strafverteidiger ist dies ein sehr erhebendes Wort. Immer wieder würde ich dies als eines der einscheidensten Erlebnisse betiteln. 

 

3. Gab es Verfahren in denen Sie, aus Ihrer Sicht, grobes Unrecht erfahren haben?

„Grobes Unrecht“ habe ich selbst nicht erfahren, allerdings mein Mandant – diesmal als Privatankläger: Es ging um den Tatbestand der „Herabwürdigung religiöser Lehren“. Eine nicht unbekannte heimische Rockgruppe veranstaltete um Weihnachten ein Rockkonzert und bewarb dieses mit gelben Anhängern in der Art von Geschenkanhängern. Darauf stand in schwarzen Lettern auf gelbem Grund zu lesen „Fucking Christkind!“. Auf der Rückseite befand sich die Ankündigung: „Frohe Weihnachten wünscht Dir Dein ... nicht vergessen ... Rockkonzert am ... Ticketonline“. Der Staatsanwalt bejahte zwar die Tatbestandsmäßigkeit, diese sei aber durch die Kunstfreiheit gerechtfertigt. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. In meinem (damals noch) an das OLG gerichteten Fortführungsantrag argumentierte ich, dass hier gar keine „Kunst“ im Sinne einer eigenständigen schöpferischen Leistung mit gewisser „Werkhöhe“ (im Sinne des vom VfGH entwickelten „offenen Kunstbegriffes“) vorliege, es sich bei diesem Anhänger vielmehr um ein Marketinginstrument für ein Rockkonzert handle, sohin der Geschäftswelt zuzuordnen sei. Dieser wirtschaftliche Aspekt ist von der Kunstfreiheit aber nicht gedeckt. Der Richtersenat ist auf dieses Argument mit keinem Wort eingegangen. Er hat im Wesentlichen bloß die Argumentation der Staatsanwaltschaft wiederholt und die Einstellung bestätigt. Im Nachhinein denke ich, dass es sich möglicherweise um eine gesellschaftspolitisch motivierte Entscheidung handelte. Anders kann ich mir diese Übergehung der doch gewichtigen Argumente nicht erklären. Man möchte sich zudem nicht vorstellen, was die Boulevardpresse im Falle einer Verurteilung dieser unter Jugendlichen doch recht prominenten Rockgruppe getitelt hätte. So etwas halte ich für rechtsstaatlich bedenklich.

 

4. Welche Verteidigungen fallen Ihnen schwer oder treffen Sie persönlich am meisten?

 

Delikte gegen Leib und Leben oder die sexuelle Integrität sind wohl für alle Beteiligten am Belastendsten.

 

Vermögensschäden kann man durch Versicherungsleistungen ausgleichen, seelische Traumata nicht. Freilich aber kann man solche Mandate jederzeit ablehnen, es sei denn, man wird zum Verfahrenshelfer bestellt und kann keinen Befangenheitsgrund (z.B. der in einem Kindesmissbrauchsprozess zum Verfahrenshelfer bestellte Verteidiger ist selbst Vater kleiner Kinder) geltend machen.

 

5. Gibt es Mandate, die Sie abgelehnt haben?

Abgelehnt habe ich noch kein Mandat. Ich muss auch dazu sagen, dass ich Gott sei Dank während meiner gesamten Laufbahn noch in keine für mich ethisch bedenkliche Situation kam. Da ich Strafverteidiger bin und mich der Strafverteidung gewidmet habe, war mir von Anfang an klar, dass es eventuell auch unangenehme Mandate geben kann. Diese waren jedoch, wie schon gesagt, nie so unangenehm, dass ich sie abgelehnt habe. 

 

6. Wie schwer ist es einen "offensichtlich Schuldigen" vor Gericht verteidigen zu müssen?

Einen „offensichtlich“ Schuldigen vor Gericht zu vertreten ist nicht „schwer“. Eine zweckentsprechende Verteidigung besteht ja oftmals gerade darin, Schadensbegrenzung zu üben. Vergessen darf man auch nicht, dass gerade das reumütige (Tatsachen)geständnis der wesentlichste Milderungsgrund ist. Es geht oft nicht um „gewinnen“ oder „verlieren“, sondern darum, in der konkreten Verteidigungssituation das jeweils „Beste“ für den Mandanten herauszuholen. Dies kann eben darin gelegen sein, statt eines Schuldspruches wegen Mordes einen Schuldspruch wegen Totschlags oder gar wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu erreichen, statt Raub Diebstahl, statt Diebstahl Entwendung.

 

7. Kamen Sie jemals in innerlichen Konflikt aufgrund einer besonders intensiven/ emotionalen Situation? Können Sie sich Emotionalität überhaupt erlauben?

Bei jeder Strafverteidigung schwingt unbewusst eine gewisse Emotionalität mit. Um eine möglichst zweckentsprechende Verteidigung zu gewährleisten, muss man diese in den Griff bekommen und die causa quasi als „begleitender Beobachter“ aus der Distanz – orientiert an Daten und Fakten – betrachten. Emotionalität ist nicht leistbar. Stellen Sie sich nur einmal vor was passierte, wenn der ohnehin schon unter erheblicher psychischer Anspannung stehende Mandant merkt, dass sein Verteidiger selbst mit den Nerven fertig und überfordert ist. 

 

8. Welchen Rat würden Sie jungen Juristen geben, die sich auf das Strafrecht spezialisieren wollen? 

 

Den Strafprozess „gewinnt“ oder „verliert“ man nicht in der letzten Hauptverhandlung sondern in der Vorbereitung.

 

Exaktes dogmatisches Arbeiten, sorgfältiges Aktenstudium und auch in heiklen Situationen einen kühlen Kopf bewahren, sind demnach unabdingbare Bestandteile erfolgreicher Verteidigung.

 

9. Können Sie ein "Schmankerl" aus dem Gerichtssaal wiedergeben? 

Aus dem Gerichtssaal nicht, aber so manche Gerichtskantine ist auch nicht zu verachten. Davon dürfen sich dann die jungen Koleginnen und Kollegen selbst ein Bild machen, wenn sie sich dazugesellen. Ich will ja den jungen Juristen die Spannung nicht nehmen.

 

10. Und die Frage aller Fragen... Würden Sie, wenn Sie sich entscheiden könnten, wieder Strafverteidiger werden wollen?

Ich denke ich kann dies sehr einfach bejahen. Ich denke, dass man im Laufe der rechtswissenschaftlichen Ausbildung schon gute Einblicke in die verschiedensten Rechtsgebiete erhält und dadurch auch merkt, welches Rechtsegbiet einem liegt. Bei mir war und ist es das Strafrecht. Mir hat die Materie immer gefallen, schon zu Universitätszeiten. Die Dogmatik finde ich hochinteressant und das Strafrecht ist ein Rechtsgebiet, welches sich aufgrund unzähliger Faktoren immer weiterentwickeln wird. Ja, ich würde wieder Strafrechtsverteidiger werden wollen. 

 

Danke vielmals für Ihre Zeit und das Interview, Herr Mag. Martin Adam.

 

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