Es lebe der Sport...

Der rechtliche Hintergrund der körperlichen Ertüchtigung


verfasst von Sonja Vass und veröffentlicht am 09.07.2019

 

„Es lebe der Sport“, singt Reinhard Fendrich, und beschreibt in seinem gesellschaftskritischen Text gleich recht anschaulich diverse Zwischenfälle, die eintreten können, wenn man es mit der körperlichen Ertüchtigung übertreibt. Ob Unfälle den Wettbewerb für Zuschauer spannender machen, sei dahingestellt – für Juristen sind sie jedenfalls interessant. Versicherungsrechtliche Aspekte, Schadenersatz und Haftungsfragen oder die Rechtsnatur von Wettkampf- und Spielregeln sind nur eine Auswahl von Rechtsfragen, die sich dabei stellen können. 

 

Was ist denn überhaupt Sport?

 

Viele Menschen betreiben Sport, doch was tun wir dabei denn genau? Möchte man für das Phänomen „Sport“ einen rechtlichen Rahmen finden, ist es notwendig den Sport von anderen Aktivitäten abzugrenzen. Ein Unterfangen, das schon aufgrund der Vielfalt der denkbaren Sportarten gar nicht so einfach ist.

Die Physik kann dabei ein Anhaltspunkt sein, und zwar durch messbare Größen wie Kraft, Leistung oder Energieverbrauch. Nun wirken auf Rennfahrer zwar beträchtliche Kräfte, denen nur mit entsprechend trainierten Muskeln beizukommen ist, aber die meiste Leistung im Sinne der Physik verrichtet dann doch der Motor. Und nur weil schnell fahren auf Wettbewerbsbasis als Sport bezeichnet wird, tun wir uns als Alltags-Autofahrer doch schwer, Mitmenschen (oder dem Hausarzt, der die schlechte Kondition rügt) zu vermitteln, man würde täglich Sport betreiben – selbst bei „sportlicher“ Fahrweise. Im Gegenzug leisten Bauarbeiter körperlich auch einiges – aber niemand würde behaupten, die Jungs machen Sport – sie arbeiten einfach. Wann wird also Bewegung zum Sport?

Dabei ist es oft leichter, abzugrenzen, was Sport nicht ist. Sport ist grundsätzlich nicht Erwerbsarbeit, wie schon das Beispiel des Bauarbeiters zeigt. Andererseits kann es für gewisse Berufsgruppen erforderlich sein, Sport zu betreiben. Man denke an Polizisten und Soldaten, aber – natürlich – auch an Sportlehrer! Für einen Profisportler ist sein Sport selbstverständlich seine Haupteinnahmequelle. Ob man da von Erwerbsarbeit sprechen kann, und daher Regelungen des Arbeitsrechts anwendbar sind, war lange nicht so klar, aber dazu später. Sport ist auch nicht Hausarbeit. Rasenmähen, Möbel montieren oder Fenster putzen zählen nicht zum Sport.

Wenn wir im Privatleben „Sport machen“, tun wir das üblicherweise aus Freude an der Bewegung, und nicht weil es unbedingt sein muss, um unser Leben zu organisieren. Sportmuffel würden dazu sagen, „Sport ist nicht unbedingt notwendig“.

Sport hat häufig Wettbewerbscharakter. Das ist aber lediglich ein Indiz dafür, dass es sich um Sport handelt, und keine Voraussetzung. Denn es ist wohl auch eindeutig Sport, wenn jemand dreimal die Woche Joggen geht, ganz ohne sich mit irgendwem zu messen. Und umgekehrt gibt es auch eine Menge Wettbewerbe, die mit Sport rein gar nichts zu tun haben.

Sport hat üblicherweise mit Bewegung zu tun. Freilich lässt sich auch das hinterfragen, immerhin bezeichnen auch Schachspieler ihre Beschäftigung als Sport. Zumindest wird aber die Frage der zivilrechtlichen Haftung nach Verletzungen ein Rechtsproblem sein, das Schachspieler recht wenig betrifft.

Zusammenfassend lassen sich einige Merkmale festhalten, die „Sport“ üblicherweise hat, umfassend beschreiben lässt er sich kaum. Ob es sich bei einem Rechtsproblem um eine eindeutige Sportrechts-Frage handelt wird man anhand des Einzelfalls entscheiden müssen.

Auf der Suche nach relevanten Rechtsgrundlagen finden wir freilich nur einige wenige, die ganz spezifisch dem Sport zugeordnet sind, wie etwa Gesetze die das Doping im Sport unter Strafe stellen. Die meisten Rechtsfragen, die sich im Sport stellen, sind dem weiten Feld des Zivilrechtes zugeordnet. Hier sind das Haftungs- und Versicherungsrecht relevant, das Vereinsrecht, da Sport üblicherweise im Rahmen von Vereinen betrieben wird, sowie das weite Feld aller denkbaren vertraglichen Beziehungen. Sehen wir uns einzelne Fragen genauer an.

 

Von Regeln und Gesetzen

 

Viele Sportarten werden nach bestimmten Regeln ausgeübt. Das macht auch einen gewissen Sinn, insbesondere wenn man den Sport im Rahmen eines Wettbewerbs ausübt. Natürlich kann man „Fußball“ auch in einer privaten Gruppe ohne irgendwelche Regeln spielen, aus Freude am herumlaufen und Zielschießen mit dem Ball. Es muss ja auch nicht unbedingt immer ein Gewinner feststehen. Niemand wird sanktioniert, wenn er im privaten Bereich die Regeln einer Mannschaftssportart den eigenen Bedürfnissen ein wenig anpasst. Regeln im Sport haben also keinen Gesetzescharakter. Selbst im Wettkampf werden Regelverstöße zwar durch den Schiedsrichter geahndet, vor Gericht kommt üblicherweise keiner dafür.

 

Oder etwa doch?

 

Was ist, wenn durch ein Foul beim Fußball jemand verletzt wird? Was ist mit Sportarten, die von vornherein mit einem gewissen „gewaltsamen Körperkontakt“ betrieben werden, wie Boxen oder Karate? Was ist, wenn der Schiedsrichter eine falsche Entscheidung trifft? Und, gibt es so etwas wie „Verkehrsregeln“ auf der Schipiste?

Zunächst einmal: Eine Straßenverkehrsordnung für die Schipiste gibt es in Österreich nicht. Allerdings hat die Federation Internationale de Ski (FIS) Verhaltensregeln für Schifahrer herausgegeben. Vieles davon sollte dem verantwortungsbewussten Sportler eigentlich der Hausverstand sagen. So sind etwa die Rücksichtnahme auf andere Sportler und Beherrschung von Geschwindigkeit und Fahrspur als wichtige Grundregeln festgehalten. Überholt werden darf auf der Piste von allen Seiten, es muss für den Überholten jedoch ausreichend Platz bleiben. Zu Fuß aufsteigen und für längere Zeit anhalten darf man nur am Pistenrand. Dazu kommen die Hilfeleistungspflicht für verletzte Sportler und die Pflicht zum Absichern der Unfallstelle.

Auch wenn diese Regeln keine Gesetzescharakter haben, werden sie im Falle eines Rechtsstreits regelmäßig von den Gerichten zur Beurteilung des Verhaltens von unfallbeteiligten Wintersportlern herangezogen. Ähnliches gilt für den Entwurf einer Pistenordnung des Kuratoriums für alpine Sicherheit, der bisweilen es auch noch nicht bis zur Gesetzwerdung geschafft hat, jedoch online öffentlich einsehbar ist.

Zu der Frage, ob Sportregeln, man könnte auch „Spielregeln“ sagen, eine insbesondere haftungsrechtliche Relevanz haben, ist es hilfreich, zunächst die Frage nach dem Zweck der Norm zu stellen.

Ein Großteil von Regeln dienen rein sportlichen Ordnungszwecken. Dazu zählen Bestimmungen über Spieldauer, Spielfeld- und Mannschaftsgröße, aber auch klassische „Spielregeln“ wie das Verbot des Handspiels oder die Abseitsregel beim Fußball. Sie haben üblicherweise keine Haftungsrechtliche Bedeutung, und ihre Verletzung ist vom Schiedsrichter zu ahnden. Die Konsequenzen für Sportler sind also rein „sportlicher“ Natur. Es ist auch nicht so, dass, wie im Strafrecht mit einer „Sportstrafe“ wie einer gelben Karte, einem Elfmeter oder einer Zeitstrafe beim Autorennen ein gesellschaftliches Unwerturteil einhergehen soll. Viel mehr werden sporttypische Regelverstöße erwartet und auch akzeptiert, die Aufgabe des Schiedsrichters ist es, die Ordnung im Wettkampf aufrechtzuerhalten und regelwidriges, unfaires Verhalten durch entsprechende Sanktionen wieder auszugleichen. Es besteht übrigens auch kein gerichtlich einklagbarer Rechtsanspruch auf eine „richtige“ Schiedsrichterentscheidung.

Es gibt aber auch Regeln, die nicht nur der sportlichen Ordnung, sondern auch dem Schutz der körperlichen Integrität der Spieler dienen. Dazu zählt etwa das Verbot von Ausrüstungsgegenständen, die bei Sport mit Körperkontakt zu Verletzungen führen können, oder Verhaltensregeln am Schießstand für Sportschützen. Hier ist beim Regelverstoß sehr wohl eine deliktische Haftung denkbar. Üblicherweise wird diese aber nur bei grob fahrlässigen oder vorsätzlichen Regelverletzungen angenommen.


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Arbeits- oder Freizeitunfall?

 

Wer Sport betreibt lebt, abhängig von der Sportart, mehr oder weniger riskant. Auch wenn die meisten Sportler sich dessen sehr wohl bewusst sind, ist es doch ärgerlich, wenn etwas passiert. Und dann stellt sich meist die Frage, wer zahlt? Die Behandlung, die Reha, den verletzungsbedingten Verdienstausfall? Und: Ist ein Trainingsunfall eines Profisportlers denn ein Arbeitsunfall? Man möchte meinen, die Frage wäre klar zu beantworten: Wenn jemand den Sport als Hauptberuf ausübt, ist ein Unfall im Rahmen dieser Tätigkeit wohl ein Arbeitsunfall. Wenn ein Bauarbeiter vom Gerüst stürzt ist die Sache schließlich auch klar. Tatsächlich brauchte es erst mehrere Gerichtsverfahren, teilweise durch den kompletten Instanzenzug, um auch für den Sport diese Frage einigermaßen klarzustellen.

So führte der ehemalige Kärntner Schispringer Lukas Müller, der seit einem Sturz im Rollstuhl sitzt einen langen Rechtsstreit mit dem ÖSV um Anerkennung des Unfalls als Arbeitsunfall. Im Mai diesen Jahres bekam er vor dem Verwaltungsgerichtshof Recht.

Ähnlich entschieden die Gerichte im Fall der Synchronschwimmerin Vanessa Sahinkovic, die 2015 während der Europaspiele auf dem Weg zum Training einen Verkehrsunfall erlitt.

In beiden Fällen wurde die Arbeitnehmereigenschaft der Sportler und daher auch das Vorliegen eines Arbeitsunfalles anerkannt. 

Aufgrund solcher Fälle sehen viele Juristen Handlungsbedarf was Versicherung und Verträge von Profisportlern betrifft. Auch die Erlassung eines Berufssportgesetzes, welches die Trennung zwischen Hobby- und Berufssport regelt wurde bereits gefordert.

 

Die Vielfalt der Rechtsprobleme, die sich im Bereich des Sports stellen können, egal ob er als Hobby oder Beruf betrieben wird, lässt sich in einem kurzen Text kaum umfassend behandeln, und sind oft für jede Sportart anders. Wer sportbegeistert ist und sich juristisch dem Zivilrecht zugetan fühlt, findet im Bereich des Sportrechts sicherlich einen spannenden Tätigkeitsbereich. Auch wenn das Sportrecht für sich nicht eben ein Kerngebiet des Jusstudiums ist, bieten doch die meisten juridischen Fakultäten Seminare zu dem Thema an. Es lohnt sich, diese Chance zu nutzen um in diesen zukunftsträchtigen Rechtsbereich hineinzuschnuppern.

 


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Über den Autor

Sonja Vass - Autorin bei TalentRocket

Sonja Vass

Sonja Vass studiert Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und arbeitet hauptberuflich im Rettungsdienst, seit Februar 2019 ist sie als Autorin für TalentRocket tätig.

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