"Ein Mediator ist ja eigentlich ein Psychologe"

Warum eine zertifizierte Mediatorin diesen Satz keinesfalls unterschreibt!


verfasst von Carolina Kral und veröffentlicht am 13.12.2018

 

Mediation ist ein immer weiterwachsender und höchst interessanter Teil der juristischen Sphäre. Wir haben eine zertifizierte Mediatorin, Sonja Adam M.Sc., getroffen und mit ihr darüber gesprochen, was eine Mediation ist, wie man die Ausbildung absolviert und wie relevant sie tatsächlich in der juristischen Welt ist.

 

Sonja Adam hat nach ihrem ursprünglichen Studium an der Pädagogischen Hochschule Wien und über 10 Jahren Tätigkeit in einer Rechtsanwaltskanzlei den Schritt gewagt einen M.Sc. in Mediation zu absolvieren. Das Studium mit Bachelor und Master wurde an der Sigmund Freud Privatuniversität abgeschlossen und seit diesem Zeitpunkt ist sie als zertifizierte, eingetragene Mediatorin selbstständig in Wien tätig. Sie hat uns all unsere kritischen Fragen rund um das Thema Mediation beantwortet und hier sind ihre Antworten...

 

Frau Adam, danke, dass Sie sich Zeit genommen haben für uns. Wenn Sie die Arbeit einer Mediatorin kurz beschreiben müssten, wie wäre ihre Antwort?

Mediation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Vermittlung“. Ich sehe mich also als Vermittlerin zwischen Parteien, die es alleine (noch) nicht schaffen miteinander zu kommunizieren. Die Parteien, in der Mediation auch Medianden genannt, nehmen freiwillig an der Mediation teil, weil es ihnen wichtig ist wieder auf Augenhöhe miteinander zu sprechen.

Die Medianden sind Experten für ihre Probleme, daher sind sie auch Experten für deren Lösungen.

 

Ich selbst arbeite vorwiegend in der Scheidungs- und Trennungsmediation, da geht es vor allem um verletzte Gefühle, Kränkungen und manchmal auch um Positionen, die aufgebrochen werden müssen. Die Bedürfnisse hinter den Positionen müssen herausgearbeitet werden, dann kann eine Win-Win-Situation entstehen. Was ist jeder bereit in der Mediation zu geben, damit tragfähige Lösungen entstehen können.

 

Wie sah ihr Weg in die Mediation aus? Wie kamen Sie zu dem Entschluss sich in diese Richtung ausbilden zu lassen und aus welchen Motiven?

Als diplomierte Pädagogin war ich schon immer an guten zwischenmenschlichen Lösungen interessiert. Der Wunsch mich als Mediatorin ausbilden zu lassen entstand schon während der Schulzeit meiner Kinder, doch wollte ich zu diesem Zeitpunkt ganz für sie und ihre Schulbildung da sein, daher habe ich die Ausbildung verschoben und habe mein Ziel nach der Matura meiner Kinder in die Tat umgesetzt und an der Sigmund-Freud-Universität in Wien studiert. Ich bin an einem guten Miteinander interessiert und an wertschätzender Kommunikation auf Augenhöhe.

 

Was prägt Sie während der Arbeit mit Medianden? Gibt es Situationen, die Sie als schwierig empfinden?

Prinzipiell schaffe ich es bis jetzt sehr gut professionelle Distanz zu den Medianden zu halten. Schwierige Situationen entstehen nur dann, wenn sogenannte „hot buttons“ bei mir getroffen würden. Dies war bislang Gott sei Dank noch nie der Fall! Empfindet man eine Sitzung besonders schwierig, so empfiehlt es sich in Supervision zu gehen oder sich, so vorhanden, mit seinem Co-Mediator auszutauschen. Was war da heute schwierig für mich und warum? Das hilft immer.

 

Wie grenzen Sie Privates und Berufliches ab und wie schwer ist diese Abgrenzung? Gibt es Situationen die Sie besonders herausfordern oder auch privat beschäftigen?

Wie schon zuvor gesagt, ist es unabdingbar in der Mediation professionelle Distanz zu halten, jedoch darf man als Mediator bzw. Mediatorin niemals seine Empathie oder Allparteilichkeit verlieren. Ohne Empathie keine Mediation. Ich bin mit einem Rechtsanwalt verheiratet, da bietet es sich immer wieder an über schwierige Situationen zu sprechen. Da die Verschwiegenheit in der Mediation oberstes Prinzip darstellt, werden Probleme immer nur abstrakt besprochen. Die differenzierte Sicht auf die Dinge hilft oft unglaublich. Wir machen privat sozusagen den Perspektivenwechsel, den es in der Mediation oft braucht.

 

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“Ein Mediator ist ja eigentlich ein Psychologe” - wie stehen Sie zu diesem Satz?

Diesen Satz würde ich keinesfalls unterschreiben.

 

Als Mediator bzw. Mediatorin hilft man den Medianden ihre Probleme zu erkennen. Ihre eigenen Lösungen sind jeweils zukunftsorientiert, denn die Vergangenheit spielt in der Mediation eine marginale Rolle. Es kommt aber immer wieder vor, dass ich Medianden empfehle einen Psychologen aufzusuchen, wenn die Vergangenheit die Sitzungen dominiert. Ein Psychologe begleitet den Patienten, es geht um Diagnose und Therapie, also völlig anders als in der Mediation, wir therapieren niemanden.

 

Denken Sie ist der Beruf des Mediators aufstrebend?

Ich bin davon absolut überzeugt, dass die Mediation immer wichtiger wird. Menschen sind oft nicht mehr in der Lage miteinander zu sprechen oder Probleme miteinander konstruktiv zu lösen. Besonders dort wo weiterhin Beziehungen bestehen bleiben (Familie, Nachbarschaft, Arbeitsplatz etc.) macht Mediation Sinn und ist um vieles günstiger als ein teurer und langwieriger Gerichtsprozess.

 

Was raten Sie Studenten die sich aktuell für das Thema Mediation interessieren und auch später gerne in diesem Bereich tätig sein würden?

Mediation ist kein Allheilmittel und eine Win-Win-Lösung kann auch nicht immer gefunden werden. Ich denke aber, dass in bestimmten Studiengängen wie etwa Jus eine Zusatzausbildung absolut Sinn macht. Alle Mediatoren haben eine andere Grundausbildung, was schon zeigt, dass man von Mediation allein meist nicht leben kann. Trotz allem kann ich allen jungen Menschen nur raten sich zu trauen und Konfliktlösungsmöglichkeiten auszuprobieren, die man auch als Nicht-Mediator im täglichen Leben sehr gut gebrauchen kann.

Mediator zu sein ist eine Haltung.

 

Finden Sie, dass eine verpflichtende Ausbildung an den juristischen Fakultäten angeboten werden sollte?

Davon bin ich absolut überzeugt. Gerade in juristischen Berufen wie Rechtsanwalt oder Richter können diese in der Mediation erlernte Skills unmittelbar anwenden. Sie erkennen schnell die Bedürfnisse und Interessen hinter den Positionen, können diese unmittelbar ansprechen und erreichen Parteien oder Klienten damit 100%-ig. Ein Klient wird sich bei einem Anwalt, der seine Bedürfnisse wahrnimmt anders aufgehoben fühlen als bei einem, der ihm die Rechtsvorschriften erklärt. Ein empathischer Richter, der sich in beide Parteien hineinversetzen kann, wird möglicherweise zu einem guten Vergleich beitragen.

 

Können mittels Mediation alle Konflikte gelöst werden?

Nein, auf keinen Fall. Manchmal müssen Mediationen auch abgebrochen werden, da es das falsche Instrument für die Parteien darstellt. Diese sind in einer Lebens- und Sozialberatung, bei der Paartherapie oder beim Psychologen möglicherweise besser aufgehoben. Im Vorfeld telefoniert man meist mit den Medianden, da wird schon sehr viel klar. Vor allem Konflikte die bereits sehr lange andauern sind auch in der Mediation nicht zu lösen, hocheskalierte Konflikte sind nur teilweise mediierbar und auch Konflikte in denen es um Machtungleichgewichte geht. Man muss also schon sehr genau hinschauen, auf welche Konflikte das Instrument der Mediation anwendbar ist.

 

Vielen Dank für Ihre Zeit und das wertvolle Interview!

 


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Über den Autor

Carolina Kral - Autorin TalentRocket

Carolina Kral

Carolina Kral ist Studentin der Rechtswissenschaften an der Uni Wien und ist seit Beginn des österreichischen Karrieremagazins als Autorin für uns tätig.

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