Eigentlich wollte ich Anwalt werden...

Warum ein Jus-Studium sich immer lohnt, auch wenn am Ende ein anderer Weg eingeschlagen wird...


verfasst von Sonja Vass und veröffentlicht am 13.03.2019

 

Wer ein Studium beginnt, hat wahrscheinlich eine gewisse Vorstellung von seiner Zukunft. Je fortgeschrittener das Studium, desto genauer werden dann die Karrierepläne. Abschluss, Gerichtspraktikum, Anwaltskarriere. Vielleicht hat man schon die eine oder andere Kanzlei im Auge für eine spätere Bewerbung. Doch es heißt, Leben sei das, was passiert, während man Pläne macht. Nicht immer deckt sich die Realität im Traumjob mit den Erwartungen, und manchmal ereignet sich etwas gar Unerwartetes. Ich bin einer dieser Menschen mit nichtlinearem Lebenslauf. Und ich bin ziemlich glücklich damit.

 

Ich gebe zu, ich wäre gerne Strafverteidigerin geworden. Dieser Entschluss stand eigentlich fest, bald nachdem ich zu studieren begonnen habe. Strafrecht war von Anfang an „meins“, obwohl ich oft gewarnt wurde, dass es das schwierigste Fach im Studium sei. Daran konnte auch der notwendig gewordene zweite Antritt zur Fachprüfung nichts ändern.

Ich musste mich auch oft genug für den Berufswunsch selbst verteidigen.

 

„Du kannst doch nicht Mörder vertreten“, hörte ich, oder „Wie würdest du denn mit Kinderschändern umgehen?“

 

Die folgenden Diskussionen wurden meist lang und schärften durchaus das Verständnis meines Lieblingsfaches. Ich wählte Strafrecht als Studienschwerpunkt und fühlte mich mit jeder Vorlesung, die ich absolvierte, in meinem Entschluss bestätigt.

Dann hat mich die Notfallmedizin in ihren Bann gezogen. Aus dem „Hobby“ Freiwillige Rettung wurde, komplett überraschend, ein Vollzeitjob, lange bevor ich auch nur in die Nähe des Studienabschlusses kam, und anstatt der Frage, wie ich denn die Verteidigung von Mördern mit meinem Gewissen vereinbaren könne, wunderte sich mein soziales Umfeld nun, warum ich mich denn für einen so komplett fachfremden Arbeitsbereich entschieden habe. Immerhin sei ja die ganze Mühe an der Uni dann ziemlich „für die Katz“ gewesen, „frustrierter Aufwand“ sozusagen.

Dabei sind sich, wenn man etwas Bereitschaft zum Querdenken hat, die beiden Tätigkeitsfelder „Rettungsdienst“ und „Strafverteidigung“ nicht einmal so unähnlich. Sie helfen Menschen, die in einer verdammt miesen Situation feststecken. Sie erfordern schnelles Handeln, bestmögliche Entscheidungen bei schlechtestmöglichem Umfeld. Was tust du, wenn der Mensch, der dir noch eben selbst die Tür geöffnet hat, plötzlich zusammenbricht? Was tust du, wenn dein Mandant anruft, er wäre soeben verhaftet worden? Sie bewegen sich in Grenzbereichen des menschlichen Lebens. Kriminalität, Gewalt, Krankheit, Tod. Heile Welt sieht anders aus. Genau diese Grenzbereiche und der Umgang damit waren es stets, die mich faszinierten. Im Recht. In der Medizin. Welches Fachgebiet dann dahintersteht, war vielleicht gar nie so wichtig.

 

Leider hat der Tag nur 24 Stunden... 

 

...und bei aller Begeisterung - Notfallmedizin und Strafrecht parallel geht nicht. Zumindest nicht wenn man in beiden richtig gut sein will und solange keiner eine Zeitmaschine erfindet. Die Entscheidung fiel gegen das Strafrecht aus, und ja, manchmal bedaure ich es. Aber diese Momente sind selten.

 

Kann man auch ohne Matura Jus studieren? Hier erfährst du mehr zu den Möglichkeiten!

 

Zuerst mal: Ja, studieren geht auch einfach so, aus Interesse für ein Fachgebiet. Juristerei als Freizeitbeschäftigung. Oder du beruhigst dich mit Floskeln wie „Wissen ist Macht“, oder mit dem Umstand, dass ein akademischer Grad immer gut aussieht und manchmal sogar zu höherer Bezahlung führt.

Doch es gibt etwas, das viel wichtiger ist als drei Buchstaben vorm Namen:

 

In einem Jusstudium lernst du ziemlich viel fürs Leben.

 

Und einiges davon wird dir in jedem anderen Job auch helfen können. Sehen wir uns das einmal an...

 

Du kennst dich mit Gesetzen aus

Gut, hoffentlich ist das nach einigen Semestern Jusstudium so, denn das wäre das Ziel des Studiums. Was bringt das nun abseits von Prüfungen und Jobs mit Rechtsbezug?

Nun, wer hat denn nicht schon mal einfach so einen Vertrag unterschrieben, ohne das Kleingedruckte zu lesen, weil zu mühsam, und „wird schon passen“ - und hat sich danach darüber geärgert? In einer Diskussion klein beigegeben, weil eine persönliche Meinung allein einen überzeugten Gegner derselben selten umstimmt? Sich dem Druck des Arbeitgebers gebeugt, obwohl das vage Gefühl da war, das mit den vielen Überstunden könnte doch nicht so ganz in Ordnung sein?

 

Seine Rechte zu kennen, hilft...

 

...beim Verhandeln mit dem (zukünftigen) Arbeitgeber, beim Vertragsabschluss über größere Anschaffungen, ja sogar bei mancher Stammtischdiskussion, um dem Allgemeinen „ich kenn wen, der kennt wen, der hat...“ konkrete Rechtsgrundlagen entgegenzuhalten.

Und vor allem: Es ist dir klar, wenn jemand behauptet „du musst“, sollte eine gesetzliche oder vertragliche Pflicht dahinterstehen muss. Du weißt, wonach und wo du suchen solltest. Findest du nichts, dann „musst“ du wahrscheinlich auch nicht.

 

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Du lernst dich auszudrücken

Die Werkzeuge des Juristen sind das Gesetz und die Sprache. Wir haben alle gelernt, was wörtliche, sinngemäße und systematische Auslegung bedeutet, in schriftlichen Prüfungen versucht den einen oder anderen Punkt für den „Gutachtenstil“ zu erreichen. Wir haben vielleicht im Gerichtspraktikum oder einer Rechtshörerschaft das eine oder andere juristische Wortgefecht live erlebt und waren entsprechend fasziniert. Nicht umsonst heißt es, Worte seien die schärfsten Waffen. Als Jurist hast du gelernt, damit umzugehen.

 

Du möchtest einen weitergehenden Abschluss und fragst dich: Wie teuer wird ein LL.M. und wie kann ich ihn finanzieren?

 

Rechtskenntnisse sind überall gefragt

Eine Freundin meinte einmal scherzhalber, „Wenn du nicht weißt was du machen sollst, such ein beliebiges Wort aus dem Wörterbuch, hänge Recht dran und das wird dein neues Arbeitsgebiet“.

So absurd ist das gar nicht.

 

Es gibt kaum einen Bereich des Lebens, der nicht irgendwie durch Gesetze und Verordnungen in geordnete Bahnen gelenkt wird.

 

Nicht nur, dass jede Geschäftsbeziehung von Verträgen, dem Kerngebiet des Zivilrechts, lebt; auch das Verwaltungsrecht hat für so ziemlich alles einen gesetzlichen Rahmen geschaffen.

Wahrscheinlich gibt es so viele Rechtsgebiete wie Wirtschaftszweige. Wer einmal die Grundlagen begriffen hat, kann sich leicht in ein neues, „fremdes“ Rechtsgebiet einarbeiten. Jedes größere Unternehmen hat seine Rechtsabteilung, und auch wenn du mit einem abgeschlossenen Jusstudium erstmal etwas anderes arbeitest, vielleicht ist ja ein Wechsel in die Rechtsabteilung irgendwann eine Option. Und so wie es für jeden nichtjuristischen Mitarbeiter von Vorteil ist, die rechtlichen Grundlagen seiner Tätigkeit zu kennen, profitierst du umgekehrt als Firmenjurist davon, auch das operative Geschäft deines Arbeitgebers nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis zu kennen.

 

„Textverständnis“ ist keine Hexerei mehr

Du hast dich für einen Job entschieden, wo du einen Aufnahmetest oder Assessment Center absolvieren musst? Zumindest eine Aufgabenkategorie wird dir keine Probleme mehr bereiten: Textverständnis. Ob verwickelte Zivilrechtsfälle bei der Fachprüfung, oder das Analysieren höchstgerichtlicher Urteile für eine Seminararbeit – du musst schnell lesen, Schachtelsätze verstehen, die wichtigsten Inhalte erfassen und erklären können. Einfach war das am Anfang nicht, irgendwann hattet du aber wohl den Dreh raus. Dagegen sind die üblichen Assessment-Center-Verständnistexte meistens eher Kleinkram.

 

Du lernst, Sachverhalte von verschiedenen Seiten zu betrachten

Jeder kennt den scherzhaften Spruch „Zwei Anwälte – fünf Meinungen“. In einer meiner ersten Vorlesungen hörte ich die Aussage, „Sie können alles behaupten. Sie müssen es nur rechtlich korrekt argumentieren können“. Das klingt zunächst recht lustig. Dennoch, jeder kennt die Fälle, die unklar sind bis zum höchstgerichtlichen Urteil. Die Differenzen zwischen Rechtsprechung und Lehre, die unterschiedlichen Ergebnisse von unterschiedlichen Rechtsauslegungsmethoden. Wir wissen, dass es im Strafprozess nicht nur um die Tat und geht, sondern auch um das Motiv, die Vorgeschichte die zu der Tat geführt hat. Wir wissen, dass die Rechtsordnung jedem die Möglichkeit zur Verteidigung zugesteht.

 

Strafrecht in der Praxis, ein Strafverteidiger aus Wien gewährt Einblicke in den Arbeitsalltag!

 

Mit diesem Hintergrund gehst du anders an Konfliktsituationen heran. Kaum ein anderes Fach zeigt deutlicher, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist.

 

Wenn du einmal in einem festgefahrenen Konflikt steckst, denk doch einfach mal rein juristisch, und stell dir vor, du wärst Anwalt – von der Gegenseite. Vielleicht wirkt die Situation danach gar nicht mehr so festgefahren.

 

Soft Skills und andere Parallelen

Ich habe schon über die Parallelen zwischen Strafrecht und Notfallmedizin geschrieben. Sicherlich fällt dir, wenn du während deinem Studium einen Nebenjob hattest, auch die eine oder andere Situation ein, in der dir etwas, das du an der Uni gelernt hast, nützlich war. Was sonst noch bleibt sind Lebenserfahrung und „Soft Skills“ - und die können bekanntlich nie schaden.

 

 

Ob ich in meiner beruflichen Laufbahn doch noch zum Strafrecht zurückfinde, weiß ich nicht. Ich freue mich, derzeit einen Job zu haben, zu dem ich jeden Morgen (oder Abend) gerne hingehe. Ich freue mich auch, nach Dienstschluss zu meinen Studienbüchern zurückzukehren und mich der Rechtswissenschaft zu widmen. Der Rest ist offen – Leben passiert bekanntlich, während man Pläne macht. Kaum einer wird heutzutage noch in demselben Betrieb in Pension gehen, in dem er die Ausbildung gemacht hat, so wie es früher üblich war. Ich sehe das durchaus positiv. Juristisch betrachtet, ist das Leben eine Querschnittsmaterie – viel zu vielfältig, um sich nur auf einen Aspekt zu beschränken.

 


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Über den Autor

Sonja Vass - Autorin bei TalentRocket

Sonja Vass

Sonja Vass studiert Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und arbeitet hauptberuflich im Rettungsdienst, seit Februar 2019 ist sie als Autorin für TalentRocket tätig.

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