Ich wollte immer schon mein "eigener Herr" sein

Ein Wiener Rechtsanwalt erzählt von seinem Weg in die Selbstständigkeit


verfasst von Carolina Kral und veröffentlicht am 29.11.2018

 

Der Weg in die Selbstständigkeit stellt für viele Juristen eine Möglichkeit dar, sich von ihrer Ausbildungskanzlei oder schon bestehenden Partnerschaft zu lösen. Der Weg bis zur eigenen Kanzlei kann oft lang und schwer sein, jedoch auf der anderen Seite eine attraktive Möglichkeit zur Selbstverwirklichung bedeuten. Wir haben Rechtsanwalt Mag. Markus Adam, einen Wiener Miet- und Wohnrechtsexperten mit eigener Kleinkanzlei, interviewt und ihn nach seinem Weg in die Selbstständigkeit gefragt. 


Mag. Markus Adam hat sein Studium der Rechtswissenschaften am Juridicum der Universität Wien abgeschlossen. Ein Auslandssemester verschlug Ihn an die Georg-August-Universität Göttingen, wo er den Schwerpunkt Europarecht, Völkerrecht und Recht der Internationalen Organisationen absolvierte. Nach seinem Gerichtsjahr war Mag. Adam in mehreren Großkanzleien tätig, ehe er 2004 seine eigene Kanzlei gründete. Seit seiner Zeit als selbstständiger Rechtsanwalt hat er sich auf Miet- und Wohnrecht spezialisiert. 

 

Herr Mag. Adam, wussten Sie nach Ihrem Studium wie Ihre Zukunft konkret aussehen soll?

Mir war klar, dass ich den Beruf des Rechtsanwalts anstrebe, hatte jedoch keine nähere Vorstellung über mögliche Organisationsmöglichkeiten, also darüber ob eine eher kleine oder größere Kanzlei für mich ganz konkret in Frage kommt. Bevor ich mich bei Kanzleien bewarb, absolvierte ich meine Gerichtspraxis, die damals noch neun Monate dauerte. Während dieser neun Monate beschäftigte ich mich näher mit Kanzleistrukturen und potentiellen Kanzleien, in denen ich mich sehen würde und bewarb mich sodann bei denen, welche für mich am interessantesten schienen.

 

Wie sah Ihre Konzipientenzeit aus und in welcher Struktur haben Sie diese verbracht? Resultierte hieraus die Überlegung, sich selbstständig zu machen oder war dies zu dieser Zeit noch nicht geplant?

Ich bin in zwei mittelgroßen "Allround-Kanzleien" (etwa je drei Anwälte, drei Konzipienten sowie zwischen sieben und 15 Angestellten) "aufgewachsen", was den Vorteil hatte, den Beruf umfassend kennen zu lernen. Grundsätzlich ist es ja möglich, auch als angestellter Rechtsanwalt zu arbeiten, in der Regel sind die Kollegen aber selbstständig tätig, auch dann, wenn sie sich in größeren Zusammenschlüssen organisieren.

 

Ich persönlich wollte jedenfalls immer selbstständig sein und meine eigene Kanzlei eröffnen.

 

War Ihnen nach Ihrer Rechtsanwaltsprüfung gleich bewusst in die Selbstständigkeit gehen zu wollen?

Wie gesagt, ich wollte immer selbstständig sein, da ich mein "eigener Herr" sein und eigen- sowie letztverantwortlich arbeiten wollte. Das hängt ein wenig damit zusammen, dass sich Rechtsanwälte zu Recht immer noch als Träger eines "officium nobile", eines besonderen Amtes oder Dienstes, verstehen; ein wenig ist es also auch Berufseitelkeit. Direkt mit meiner Rechtsanwaltsprüfung hatte dies allerdings nichts zu tun. Den Entschluss habe ich erst später gefasst, denn nach meiner Prüfung blieb ich zunächst weiterhin in meiner Ausbildungskanzlei.

 


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Wann und woher kam dann der Entschluss zur eigenen Kanzlei, gab es einen Schlüsselmoment?

Ja, den gab es tatsächlich. Ich wollte ja, wie erwähnt, immer schon mein „eigener Herr“ sein, allerdings kam der tatsächliche Entschluss durch Zufall. Nach meiner Anwaltsprüfung war ich im Rahmen einer mittelgroßen Kanzlei tätig und hoffte ursprünglich Partner werden zu können. Als sich herausstellte, dass dies nicht möglich sein würde, da die Kanzlei nicht weiter wachsen wollte, habe ich den Schritt gewagt und bin "abgesprungen". Zu diesem Zeitpunkt war der Schlüsselmoment gekommen.

 

Ich wusste, wenn ich weiterziehen möchte, dann jetzt.

 

Wie sieht die Struktur Ihrer Kanzlei heute aus?

Ich bin seit 2004 klassischer "Einzelkämpfer" und beschäftige eine Sekretärin. Dies bedeutet, ich betreue meine Klienten umfassend in den rechtlichen Fragen des täglichen Lebens. Über das mietrechtliche Problem bis hin zum Liegenschaftskauf. Gelegentlich kommen auch langjährige Mandanten mit anderen Angelegenheiten zu mir, in denen ich ihnen gerne helfe. Dies reicht vom Verkehrsunfall bis hin zu Erbschaftsverfahren. Der Vorteil ist die Möglichkeit der persönlichen Betreuung, was Klienten, meines Eindruckes nach, sehr schätzen.

 

Was muss bei einer Kanzleigründung beachtet werden? Welche Risiken gibt es und wie sind Sie damit umgegangen. Gab es Zweifel?

Jede Kanzleigründung ist natürlich ein ökonomisches Risiko, jeder sollte sich die Frage stellen: "Kann ich mir das leisten?". Der Aufbau eines Klientenstocks benötigt Zeit und Durchhaltevermögen. Günstig ist natürlich, wenn man im Hintergrund etwa eine Rechtsschutzversicherung oder ein größeres Unternehmen, etwa auch eine Hausverwaltung, hat, die Empfehlungen ausspricht. Dieses große Glück hatte ich, nämlich die Zusammenarbeit mit einer renommierten österreichischen Rechtsschutzversicherung. Als Unternehmer zweifelt man immer, vor allem, wenn man eine Familie zu versorgen hat. Eine Gesamtabwägung hat mich damals motiviert den Schritt zu gehen. Die Partnerschaft war in meiner Ausbildungskanzlei nicht möglich, das finanzielle Risiko war gegeben, allerdings hatte ich die Rechtsschutzversicherung als Unterstützung und somit war klar, dass es sich lohnen würde den Schritt einer Kanzleigründung zu gehen.

 


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Wie sinnvoll ist eine Spezialisierung bei eigener Kanzleigründung?

Da gibt es zwei Glaubensrichtungen.

 

Die einen setzen auf "Wald und Wiese", andere sind als Spezialisten sehr erfolgreich.

 

Beides hat seine Berechtigung. Jedem Juristen bleibt die Antwort auf diese Frage selbst überlassen. Der Einkommenshorizont ist bei Spezialisierung wahrscheinlich besser. Ich persönlich bin auf miet-, wohn- und liegenschaftsrechtliche Fragen spezialisiert, wie jedoch schon erwähnt, berate ich jedoch auch in anderen Rechtsfragen. Summa summarum bleibe ich aber bei der Devise: Jeder muss für sich selbst entscheiden wie und wo er sich am wohlsten fühlt.

 

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Was würden Sie rückblickend nicht mehr tun?

Ich würde heute nicht mehr Einzelkämpfer werden wollen, sondern den Zusammenschluss mit zumindest einem Kollegen suchen. Das hat sowohl Kosten- als auch praktische Vorteile. Ein längerer Urlaub ist ohne Vertretung für einen Einzelkämpfer unmöglich. Auch das juristische Gespräch mit Kollegen bleibt auf der Strecke, Ideenaustausch ist aber auch im juristischen Bereich wichtig.

Was meiner Meinung nach wichtig ist, ist ein gutes juristisches Umfeld. Ich habe hier Glück, denn viele meiner langjährigen Kollegen vertreten mich zu Urlaubszeiten. Natürlich darf ein solches Netzwerk nicht überstrapaziert werden und längere Urlaube müssen gut geplant sein, nicht nur familiär, sondern auch beruflich. Ich kann mich erinnern, als ich frisch selbstständig war und wir in den Semesterferien mit den Kindern Skifahren waren, hatte ich keine Urlaubsvertretung. Da ist es dann schon mal passiert, dass ich mitten am Skilift ein Telefonat annehmen musste. Die Kinder waren natürlich wenig begeistert, denn in den Ferien soll der Papi auch mit fahren und nicht nur “mit den Erwachsenen” telefonieren. Somit rate ich zu einem guten juristischen Netzwerk, welches in Extremfällen schnell eingreifen kann und in Situationen wie in den Semesterferien oder sonstigen Urlauben unterstützt. In Bezug auf den juristischen Austausch treffe ich regelmäßig Kollegen, meist um mich mit ihnen über konkrete juristische Fragen auszutauschen. Das ein oder andere Bier wird auch gelegentlich getrunken und so haben sich aus Kollegen auch echte Freunde entwickelt, auf die ich mich verlassen kann und gegenseitige Unterstützung selbstverständlich ist.

 

Was würden Sie Juristen, die sich mit der Frage der Eröffnung einer eigenen Kanzlei beschäftigen, empfehlen?

Ich würde jedem Juristen zum Zusammenschluss vieler Spezialisten raten. Nicht nur wegen vorhin angesprochener Ferienthematik. Angehenden Rechtsanwälten würde ich dazu raten ein Rechtsgebiet zu wählen, das ihnen wirklich Freude macht, denn – unter uns  

 

- nur Dinge die man gern macht, macht man auch wirklich gut!

 

Würden Sie den Weg in die Selbstständigkeit erneut wagen?

Ich würde wieder Rechtsanwalt sein wollen und wieder den Schritt weg von einer Kanzlei in meine eigene wagen, jedoch würde ich mich früher zusammenschließen. Der Beruf bietet viele schöne Momente und Erfolge. Ich freue mich ganz besonders, wenn Menschen für die Lösung ihrer Rechtsprobleme dankbar sind. Am Ende des Tages erfüllt das ja auch ein wenig mit Stolz, wenn ich weiß, ich habe geholfen und Mandanten können wieder in Ruhe schlafen.

 

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Haben Sie ein Motto, welches Sie langjährig begleitet und Sie gerne weitergeben möchten?

 

„Voraussetzung des Erfolges ist die Leidenschaft für die Sache des Klienten.“

 

Dies ist auch, was ich gerne allen jungen Juristen auf den Weg mitgeben möchte.

 

Was war bisher ihr größter beruflicher Erfolg?

Erfolg ist, Menschen so zusammenzubringen, dass trotz ihrer rechtlichen Konflikte ein gutes Miteinander weiterhin möglich ist. Solange dies vorliegt, empfinde ich es als meinen größten beruflichen Erfolg. Zufriedene Klienten werden auch weiterhin den Weg zum gleichen Anwalt finden, der lösungsorientiert für sie arbeitet.

 

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

Für weitere Informationen zu Mag. Markus Adam und seiner Kanzlei könnt Ihr euch hier umschauen.

Der Weg in die Selbstständigkeit kann sich in vielen Varianten abzeichnen. Wie uns Herr Mag. Adam erklärt hat, würde er zu einem Zusammenschluss von mehreren Selbstständigen raten und den idealen Zeitpunkt für eine eigene Kanzleigründung kann es wohl niemals geben. Hier ist jeder auf sich selbst und sein Bauchgefühl gestellt, um zu entscheiden wann und wie er sich den Traum vom “eigenen Herren” - Dasein verwirklichen möchte.

 

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Über den Autor

Carolina Kral - Autorin TalentRocket

Carolina Kral

Carolina Kral ist Studentin der Rechtswissenschaften an der Uni Wien und ist seit Beginn des österreichischen Karrieremagazins als Autorin für uns tätig.

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